Approbationsordnung Reform: Mehr als 3.000 Medizinstudenten protestieren, der Finanzstreit bleibt
04.11.2026
Aktualisiert am 4. November 2026
Das Wichtigste in Kürze+
- Mehr als 3.000 Medizinstudenten demonstrierten in der Aktionswoche vom 26. bis 30. Oktober 2026 für eine neue Approbationsordnung.
- Die begleitende Petition hatte zum Ende der Woche rund 19.000 Unterschriften und sammelt bis zum 1. April 2027 weiter.
- Die Reform hängt seit dem Masterplan vom 31. März 2017 an der Finanzierung: Das Bundesgesundheitsministerium rechnete 2023 mit 177 Mio. € pro Jahr, der Medizinische Fakultätentag 2026 mit rund 350 Mio. €.
- Die Studenten fordern im PJ mindestens den BAföG-Höchstsatz von 992 € im Monat, was im PJ-Jahr 11.904 € ergäbe.
- Ein Kabinettsbeschluss fehlt, der geplante Start am 1. Oktober 2027 ist nach unserer Einschätzung nicht mehr zu halten.
Warum steckt die Reform der Approbationsordnung seit 2017 fest?
Die Reform der Approbationsordnung steckt seit dem Masterplan Medizinstudium 2020 aus dem Jahr 2017 fest, weil Bund und Länder die Kosten nicht geklärt haben. Der Bund erlässt die Verordnung, die Länder finanzieren die Universitäten. Beide Seiten verweisen aufeinander, und ein gemeinsames Finanzierungsmodell gibt es bis heute nicht.
Die Bundesregierung erklärte Anfang 2024, die Kosten der Hochschulausbildung lägen nach dem Grundgesetz bei den Ländern. In den Gesprächen 2021 und 2022 hatte der Bund eine Beteiligung abgelehnt. Die Kultusministerkonferenz hielt dagegen, die Länder könnten die Folgekosten nicht allein tragen. Am 7. Februar 2024 flog die Vorlage von der Tagesordnung des Kabinetts. Beschlossen ist sie nicht.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 31.03.2017 | Bund und Länder beschließen den Masterplan mit 37 Maßnahmen |
| November 2020 | Erster Vorschlag des Ministeriums |
| Spätsommer 2021 | Referentenentwurf |
| 15.06.2023 | Überarbeiteter Entwurf, Kosten gesenkt, Start 2027 |
| 07.02.2024 | Reform von der Kabinettsliste gestrichen |
| Mai 2026 | Bundesgesundheitsministerin Warken will in dieser Legislatur abschließen |
| 02.10.2026 | Start der Petition |
| 16.10.2026 | Bundesrat billigt zehn Krankheitstage im PJ |
| 26.–30.10.2026 | Aktionswoche, zentrale Demonstrationen am 28. Oktober |
Was fordern die Medizinstudenten beim Protest 2026?
Beim Protest 2026 fordern die Medizinstudenten eine neue Approbationsordnung, eine Einigung von Bund und Ländern über deren Finanzierung und eine bundesweite Aufwandsentschädigung im PJ von mindestens dem BAföG-Höchstsatz. Organisiert hat die Aktionswoche die Bundesvertretung der Medizinstudierenden, die nach eigenen Angaben 120.000 Studenten vertritt.
In Mannheim kamen fast 400 Teilnehmer aus Baden-Württemberg zusammen, in Frankfurt am Main über 300. Dort entspricht das mehr als jedem achten Medizinstudenten am Standort. Zur Einordnung: Beim Aktionstag im Juli 2023 waren es rund 4.200 Menschen an 13 Standorten.
Rückendeckung kommt aus der Ärzteschaft. Bundesärztekammer, Marburger Bund, Hartmannbund und Hausärzteverband zählen zu den Erstunterzeichnern der Petition. Zum Wochenstart lag sie bei rund 12.000 Unterschriften, am 30. Oktober bei etwa 19.000, Anfang November bei gut 21.000.
Der Medizinische Fakultätentag trägt das Ziel mit, setzt aber andere Akzente. Er verlangt den Wegfall starrer Prozentvorgaben für den klinisch-praktischen Unterricht. Vor allem will er die Finanzierung vorab geklärt sehen, sonst gehe die Reform nur zum Preis deutlich weniger Studienplätze.
Was würde die neue Approbationsordnung 2026 ändern?
Die neue Approbationsordnung würde das Medizinstudium kompetenzorientiert umbauen. Der Entwurf von 2023 ersetzt die strikte Trennung von Vorklinik und Klinik durch eine Verzahnung ab dem ersten Semester, macht den Lernzielkatalog NKLM verbindlich, stärkt die Allgemeinmedizin und teilt das Praktische Jahr in vier Quartale statt drei Tertiale.
Im PJ wären es vier Abschnitte zu je zwölf Wochen. Innere Medizin und Chirurgie bleiben Pflicht, ein Quartal findet ambulant in einer Lehrpraxis statt. Für das PJ wären erstmals verbindliche Lehrstandards vorgesehen. Der Erste Abschnitt der ärztlichen Prüfung rückt auf frühestens das Ende des sechsten Semesters, statt nach zwei Jahren wie bisher. Vorlesungen schrumpfen um 30 Prozent zugunsten digitaler Formate, und das Blockpraktikum Allgemeinmedizin dauert mindestens fünf Wochen.
Eine Lücke bleibt. Der Entwurf kennt keine Pflicht zur Aufwandsentschädigung und nennt den BAföG-Bedarf nur als Obergrenze. Die Studenten wollen aus dieser Decke einen Boden machen. Mehr zum heutigen Stand zeigt der Überblick zum PJ-Gehalt und zur Aufwandsentschädigung.
Wer soll die Kosten der Reform der Approbationsordnung tragen?
Die Kosten der Reform der Approbationsordnung sind 2026 weiter ungeklärt. Das Bundesgesundheitsministerium verortet sie bei den Ländern, die Länder verlangen ein gemeinsames Konzept mit dem Bund. Die Schätzungen reichen von 177 Mio. € pro Jahr im Entwurf von 2023 bis zu rund 350 Mio. € beim Medizinischen Fakultätentag.
| Posten | Einmalig | Pro Jahr |
|---|---|---|
| Frühere Entwürfe | 88 Mio. € | rund 300 Mio. € |
| Entwurf 2023 | 94 Mio. € | 177 Mio. € |
| Fakultätentag 2026 | rund 160 Mio. € | rund 350 Mio. € |
Unsere Schätzung macht die Größenordnung greifbar. Verteilt auf 120.000 Studenten wären 350 Mio. € rund 2.900 € pro Kopf und Jahr, bei 177 Mio. € knapp 1.500 €.
Die PJ-Entschädigung läuft getrennt. Der Bundesrat bat die Bundesregierung am 16. Oktober 2026 zu prüfen, ob eine einheitliche Vergütung möglich ist, finanziert über das Krankenhausfinanzierungsgesetz. Das Ministerium rechnete 2023 mit 11.752 Studenten pro Jahrgang. Bei 992 € im Monat ergäben sich pro Kopf 11.904 € im Jahr und insgesamt etwa 140 Mio. €, wenn jeder den vollen Satz neu erhielte. Das ist eine Obergrenze, denn viele Kliniken zahlen bereits. Bei einer 60-Stunden-Woche entspräche der Satz rund 3,80 € pro Stunde.
{{cta}}Wie geht es mit der neuen Approbationsordnung weiter?
Die neue Approbationsordnung braucht 2026 zuerst eine Finanzierungszusage, danach den Beschluss des Bundeskabinetts und die Zustimmung des Bundesrats. Ein Termin fehlt. Der Koalitionsvertrag kündigt eine Bund-Länder-Kommission zum Masterplan an, und der Medizinische Fakultätentag verlangt, von Beginn an beteiligt zu werden.
Der offizielle Starttermin 1. Oktober 2027 ist nach unserer Einschätzung nicht mehr zu halten. Der Fakultätentag nannte 2024 zwei Jahre Vorlauf als nötig. Selbst ein Beschluss Anfang 2027 ergäbe damit einen Start frühestens 2029. Seit dem Sommer führt Carsten Linnemann das Ministerium, und die Zusage seiner Vorgängerin steht als Prüfstein im Raum.
Das Kabinett beschloss am 12. August 2026 eine BAföG-Novelle, die die Wohnkostenpauschale zum 1. April 2027 von 380 auf 440 € anheben soll. Damit stiege auch die Zielmarke der Studenten, sobald Bundestag und Bundesrat zustimmen.
Internationaler Blick: Wie reformieren Frankreich, die Schweiz, die Niederlande und Österreich das Medizinstudium?
Der internationale Blick zeigt 2026: Frankreich, die Schweiz und die Niederlande haben ihre Medizincurricula bereits auf Kompetenzen umgestellt, während Deutschland noch über die Finanzierung streitet. Österreich setzt parallel auf mehr Studienplätze. Die Wege unterscheiden sich deutlich, vor allem bei Prüfungen und bei der Bezahlung von Praktika.
Frankreich schaffte mit dem Dekret vom 7. September 2021 die alten Rangprüfungen ab. Seit 2023 gibt es im sechsten Jahr die digitalen EDN für Wissen und die klinischen ECOS, die mindestens 30 Prozent der Note ausmachen. Die Fachrichtung vergibt ein Matching. Eine Mission der Nationalversammlung bewertete die Reform im November 2025 klar positiv, die Dekane warnten allerdings vor Engpässen bei der ECOS-Organisation.
Die Schweiz überarbeitete 2023 ihren verbindlichen Rahmen PROFILES und nahm Planetary Health und Digitalisierung auf. Die eidgenössische Prüfung umfasst 240 Fragen und zwölf OSCE-Stationen, beide Teile müssen separat bestanden werden.
Die Niederlande arbeiten nach dem Raamplan 2020 mit dreijährigem Bachelor und anschließendem Master. In Groningen beginnt jede Studienwoche mit einer Patientenvorlesung. Das Kabinett will Praktikumsvergütungen gesetzlich vorschreiben, setzt aber bewusst keinen Mindestbetrag, die Konsultation ist für Anfang 2027 geplant. Am Radboudumc erhalten Coassistenten bisher 120 € im Monat.
Österreich bleibt beim 48-wöchigen Klinisch-Praktischen Jahr, an der Medizinischen Universität Wien im sechsten Studienjahr. Der Plan Med-Impuls 2030 hebt die Anfängerplätze bis 2028 auf 2.000.
Was bedeutet der Stand der Approbationsordnung für Studenten?
Für Studenten bedeutet der Stand im November 2026: Wer jetzt ein Medizinstudium in Deutschland beginnt, startet unter der Approbationsordnung von 2002. Die Reform kommt für diesen Jahrgang, wenn überhaupt, erst spät im Studium an. Die zehn zusätzlichen Krankheitstage im PJ gelten dagegen seit dem 1. November 2026.
Das ist ein greifbarer Erfolg. Wie Tertiale, Fehlzeiten und Vergütung im Alltag aussehen, fasst der Beitrag zum Stand der PJ-Reform zusammen. Die Geldfrage bleibt privat: 43 Prozent der PJ-Studenten arbeiten nebenher. Plane das PJ also frühzeitig mit ein.
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Meinung des Autors
Ich habe 2015 mit 24 Jahren mein Zahnmedizinstudium an der Medizinischen Universität Sofia begonnen, englischsprachig, und in Regelstudienzeit abgeschlossen. Die Zeit in Bulgarien war die beste meines Lebens, und verlässliche Lehre gehörte dazu. Gerade deshalb verstehe ich die Wut über ein PJ, in dem Lehre vom guten Willen Einzelner abhängt.
Neun Jahre Stillstand sind kein Geldproblem allein. 350 Mio. € wären für ein Land dieser Größe machbar, wenn jemand die Verantwortung annimmt. Im Beratungsalltag spreche ich täglich mit Studienbewerbern, und die wollen vor allem wissen, was gilt. Eine klare Antwort darauf schulden Bund und Länder ihnen seit 2017.
Fazit
Der Protest hat den Druck erhöht. Mehr als 3.000 Medizinstudenten stehen auf der Straße, zwischen 177 und 350 Mio. € pro Jahr stehen im Raum, und seit 2017 hat niemand die Rechnung übernommen. Zehn Krankheitstage sind ein Erfolg, die neue Approbationsordnung bleibt ein Entwurf. Die Bund-Länder-Kommission muss nun zeigen, ob aus dem Stillstand ein Zeitplan wird.
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Häufige Fragen zur Reform der Approbationsordnung
Wann tritt die neue Approbationsordnung in Kraft?
Geplant war zuletzt der 1. Oktober 2027. Ein Kabinettsbeschluss fehlt jedoch, und der Fakultätentag hält zwei Jahre Vorlauf für nötig. Wir rechnen deshalb nicht vor 2029 mit einem Start.
Wie hoch soll die Aufwandsentschädigung im PJ sein?
Gefordert wird mindestens der BAföG-Höchstsatz, aktuell 992 € im Monat. Eine bundesweite Pflicht dazu gibt es bisher nicht.
Was kostet die Reform des Medizinstudiums?
Der Entwurf von 2023 nennt 177 Mio. € pro Jahr und 94 Mio. € einmalig. Der Medizinische Fakultätentag setzt für 2026 rund 350 Mio. € pro Jahr und rund 160 Mio. € einmalig an.
Gibt es die Vorklinik nach der Reform noch?
Nicht in der heutigen Form. Theorie und Klinik würden ab dem ersten Semester verzahnt, die drei Prüfungsabschnitte blieben aber bestehen.
Weiterführende Informationen
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Über den Autor

Marcel Kloos
Eidgenössisch anerkannter Zahnarzt und Gründer der Medizinerschmiede
Marcel Kloos gründete die Medizinerschmiede bereits im Auslandsstudium, seither wurden über 500 Studienplätze an 25+ Partneruniversitäten vermittelt. Der gebürtige Stuttgarter studierte Zahnmedizin von 2015 bis 2021 in Sofia und ist eidgenössisch anerkannter Zahnarzt.
Mit 24 Jahren begann er selbst als Späteinsteiger sein Studium – NC-frei, im englischsprachigen Programm der Medizinischen Universität Sofia. Diese Erfahrung prägt bis heute die Beratung: realistische Einschätzung der Chancen, klare Wege und Begleitung durch die gesamte Bürokratie.
Heute lebt er in Bern und führt die Medizinerschmiede hauptberuflich als Inhaber.
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