Angiologie: Facharztausbildung, Klinikalltag, Gehalt und Spezialisierung
24.09.2026
Was macht ein Facharzt für Angiologie?
Angiologie – das Fach, das man oft erst dann kennt, wenn man es braucht. Angiologen behandeln Erkrankungen der Blut- und Lymphgefäße: arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), Thrombosen, Varizen, das Lymphödem, aber auch seltene Vaskulitiden und funktionelle Gefäßerkrankungen wie das Raynaud-Phänomen. In einer Gesellschaft, in der Diabetes und Übergewicht zunehmen, ist das ein Fach mit echtem Wachstumspotenzial – auch wenn das noch nicht alle auf dem Radar haben.
Im Alltag kombiniert die Angiologie klinische Diagnostik mit Handwerk: Ein erfahrener Angiologe führt täglich Duplexsonographien durch – das Ultraschallverfahren, mit dem Gefäßströmungen sichtbar gemacht werden –, versorgt diabetische Fußwunden, interpretiert Angiographien und koordiniert die Versorgung mit Gefäßchirurgen, Radiologen und Diabetologen. Wer dieses Fach wählt, ist kein Spezialist, der nur am Computer sitzt.
Weiterbildung: 6 Jahre inklusive 3 Jahre Innere Medizin
Die Angiologie ist ein Schwerpunkt der Inneren Medizin. Die Weiterbildung gliedert sich nach BAK MWO 2018/2023 wie folgt:
- 3 Jahre Basisweiterbildung Innere Medizin – allgemeine internistische Kompetenz als Fundament
- 3 Jahre Schwerpunktweiterbildung Angiologie – mit definierten Mindestzahlen: 400 Duplexsonographien der Arterien und Venen, 150 Behandlungen chronischer Wunden, 80 diagnostische und interventionelle Angiographien
Die Mindestzahlen sind kein bürokratisches Detail – sie sichern, dass wer den Schwerpunkt abschließt, die Kernprozeduren wirklich beherrscht. Duplexsonographie ist eine Kompetenz, die durch Übung und nicht durch Lesen erworben wird.
Weiterbildungsstellen für Angiologie gibt es an Universitätskliniken, größeren Allgemeinkrankenhäusern und spezialisierten Gefäßzentren. Die Stellen sind nicht so zahlreich wie in der Kardiologie – das hat einen Vorteil: Wer fertig ausgebildet ist, ist auf dem Stellenmarkt gefragt.
{{cta}}Arbeitsorte und Kooperationsstrukturen
Angiologen arbeiten selten allein – das Fach lebt von der interdisziplinären Zusammenarbeit:
- Gefäßzentren: Die gemeinsame Einrichtung von Angiologie, Gefäßchirurgie und interventioneller Radiologie ist Standard in der Versorgung komplexer Gefäßerkrankungen. Hier ist der Angiologe oft der diagnostische Anker
- Diabetologische Fußzentren (DFS): In Deutschland gibt es laut DDG-Diabetesatlas über 8,7 Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes – die diabetische Fußerkrankung ist eine der häufigsten Ursachen für Amputationen. Angiologen spielen in diesen Zentren eine Schlüsselrolle
- Niedergelassene Praxen und MVZ: Spezialisierte Gefäßpraxen mit Duplex-Diagnostik sind wirtschaftlich attraktiv und in der Fläche zunehmend gesucht
- Rehabilitation und Präventionsmedizin: Angiologen werden in der Sekundärprävention nach Herzinfarkt und Schlaganfall eingesetzt
Gehalt: Was verdient ein Angiologe?
Angiologen sind ein kleines Fach – die Zahl der Weiterbildungsstellen ist begrenzt, was die Verhandlungsposition von Fachärzten stärkt. Die folgenden Zahlen sind eigene Schätzungen auf Basis von TVöD, TV-Ärzte/VKA und Marktdaten (KBV-Ärztestatistik 2023, Marburger Bund Gehaltstabellen).
| Position | Monatsbruttogehalt (Schätzung) | Anmerkung |
|---|---|---|
| Assistenzarzt (Weiterbildung) | 4.500 – 5.500 € | Inkl. Bereitschaftsdienste, TVöD-basiert |
| Facharzt Angiologie (Klinik) | 6.500 – 8.500 € | Je nach Klinikgröße und Träger |
| Oberarzt (interventionell) | 8.500 – 11.000 € | Mit interventionellen Leistungen und Leitungsfunktion |
| Niedergelassener Angiologe | 8.000 – 13.000 € | Abhängig von Praxisstruktur, Kassenanteil, Duplexvolumen |
Niedergelassene Angiologen, die Duplexsonographie und Wundversorgung als Kassenleistungen anbieten, können durch das Volumen abrechenbarer Leistungen ein stabiles Einkommen erzielen – auch in mittelgroßen Städten.
Internationaler Blick: Angiologie weltweit
Die Angiologie ist international unterschiedlich organisiert – manchmal als eigenes Fach, manchmal als Teil der Kardiologie oder Gefäßchirurgie.
Schweiz: Die Schweizerische Gesellschaft für Angiologie (SGA) führt Angiologie als Schwerpunkt der Inneren Medizin – ähnlich wie in Deutschland. Die Ausbildung dauert 2–3 Jahre nach abgeschlossener Innerer Medizin (FMH). Schweizer Angiologen verdienen im Vergleich sehr gut: Oberarztstellen in universitären Zentren liegen bei 15.000–25.000 CHF monatlich, inkl. Bereitschaftsdienstvergütung.
USA: Vascular Medicine ist in den USA eine junge Subspecialty des American Board of Internal Medicine (ABIM) – mit weniger als 1.000 Board-zertifizierten Ärzten laut AAMC 2023. Die Mehrheit der Gefäßversorgung wird dort von Vascular Surgeons übernommen. Das Gehalt für Vascular Medicine-Spezialisten liegt laut AAMC 2023 bei über 350.000 USD jährlich – allerdings ist das Fach in den USA weniger strukturiert verankert als in Deutschland.
Österreich: Die ÖGA (Österreichische Gesellschaft für Angiologie) hat Angiologie als Additivfach mit 3 Jahren Weiterbildungsdauer etabliert. Strukturell ist das österreichische System dem deutschen sehr ähnlich – Angiologie als Ergänzung zu Innerer Medizin, mit starkem Fokus auf nicht-invasive Diagnostik.
Deutschland im Vergleich: Deutschland hat im internationalen Vergleich eine gut ausgebaute nicht-invasive Gefäßdiagnostik – Duplexsonographie wird hier früher und breiter eingesetzt als in vielen anderen Ländern. Das schafft eine echte Grundkompetenz bei deutschen Angiologen, die international geschätzt wird. Wer als deutschsprachiger Angiologe in die Schweiz oder nach Österreich wechseln möchte, hat dank EU-Anerkennungsregeln gute Chancen.
Ich erinnere mich an eine Diskussion unter Medizinstudierenden, die ich einmal beobachtet habe: Keiner wollte Angiologe werden. Zu klein, zu wenig Prestige, kein richtiges Fach. Das war vor einigen Jahren. Heute ist das Bild ein anderes.
Die Versorgungslücke bei Gefäßerkrankungen ist real und sie wächst. Mit der Zunahme von Diabetes, metabolischem Syndrom und einer alternden Bevölkerung werden mehr Angiologen gebraucht – nicht weniger. Das Fach hat sich in der letzten Dekade von einem Randgebiet zu einer gefragten Spezialisierung entwickelt.
Was mich aus zahnärztlicher Perspektive fasziniert: Die Duplexsonographie ist echtes Handwerk. Du bekommst Feedback in Echtzeit – du siehst sofort, ob das Gefäß offen ist, ob Blut fließt, ob eine Stenose vorliegt. Diese Kombination aus direktem Patientenkontakt, handwerklicher Kompetenz und klinischer Entscheidungsfindung macht das Fach besonderer, als es von außen wirkt. Und wer eine eigene Praxis aufbauen möchte, hat in der Angiologie ein Modell, das wirtschaftlich funktioniert – gerade in Regionen, wo die nächste spezialisierte Gefäßpraxis weit entfernt ist.
Zusammenfassung
- Der Schwerpunkt Angiologie ist Teil der Inneren Medizin und dauert insgesamt 6 Jahre Weiterbildung (3+3), geregelt durch BAK MWO 2018/2023
- Kernkompetenzen sind Duplexsonographie, Wundversorgung bei diabetischer Fußerkrankung und interventionelle Angiographie
- Arbeitsorte reichen von Gefäßzentren und Universitätskliniken bis zu spezialisierten MVZ und niedergelassenen Praxen
- Gehälter liegen geschätzt zwischen 4.500 € (Weiterbildung) und 13.000 € monatlich brutto (niedergelassene Praxis mit Kassenvolumen)
- International ist das Fach unterschiedlich strukturiert – in der Schweiz und Österreich sehr ähnlich zu Deutschland, in den USA unter dem Begriff Vascular Medicine noch im Aufbau
- Wer ein Fach sucht, das wächst, handwerklich ist und interdisziplinär arbeitet, findet in der Angiologie eine unterschätzte Option mit gutem Zukunftspotenzial
Weiterlesen: Facharzt Gefäßchirurgie | Facharzt Innere Medizin | Facharzt Kardiologie
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Angiologie und Gefäßchirurgie?
Angiologen sind primär für die nicht-invasive und medikamentöse Behandlung von Gefäßerkrankungen zuständig sowie für Diagnostik per Duplexsonographie und konservative Therapie. Gefäßchirurgen operieren – Bypass, Stentimplantation, Thrombendarterektomie. In der Praxis arbeiten beide Fächer eng zusammen, besonders in Gefäßzentren. Es gibt auch interventionelle Angiologen, die selbst Angiographien und Rekanalisationen durchführen.
Kann ich Duplexsonographie schon vor der Facharztanerkennung lernen?
Ja – und das ist sogar empfehlenswert. In der Basisweiterbildung Innere Medizin lernen viele Ärzte bereits grundlegende Gefäßbeurteilungen per Ultraschall. Gezielte Duplexkurse der DEGUM (Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin) sind schon früh in der Weiterbildung zugänglich und helfen dabei, die Mindestzahlen später sicher zu erfüllen.
Wie viel Wundversorgung macht ein Angiologe wirklich?
Das hängt stark vom Arbeitsort ab. In einem diabetischen Fußzentrum kann Wundversorgung ein erheblicher Teil des Alltags sein. In einer rein diagnostisch ausgerichteten Praxis ist sie eher selten. Die BAK-Mindestzahl von 150 Wundversorgungen in der Weiterbildung soll sicherstellen, dass die Kompetenz vorhanden ist – ob sie im späteren Berufsleben genutzt wird, liegt beim Arzt.
Kann ich als Angiologe auch ohne Klinikzeit in einem MVZ tätig werden?
Nach abgeschlossener Facharztanerkennung ja – du kannst direkt in ein MVZ wechseln. Für die Weiterbildung selbst brauchst du anerkannte Weiterbildungsstellen, die meist in Kliniken oder spezialisierten Praxen mit Weiterbildungsermächtigung angesiedelt sind. Eine MVZ-Weiterbildung ist möglich, wenn die Stelle die Ermächtigung hat.
Ist Angiologie körperlich anspruchsvoll – kann ich mit körperlichen Einschränkungen arbeiten?
Angiologie ist weniger körperlich belastend als chirurgische Fächer. Duplexsonographie erfordert eine stabile Handführung, aber keine schwere körperliche Arbeit. Interventionelle Eingriffe unter Röntgendurchleuchtung bedeuten Strahlenschutz (Bleischürze), was bei Rückenproblemen eine Belastung sein kann. Grundsätzlich ist das Fach für viele Menschen mit körperlichen Einschränkungen gut zugänglich.
Welche Karrierewege gibt es nach der Facharztanerkennung?
Die klassischen Optionen: Oberarzt in der Klinik mit Leitungsfunktion im Gefäßzentrum, niedergelassene Praxis oder MVZ-Einstieg, Habilitation und akademische Laufbahn (angiologische Forschung ist aktiv, besonders im Bereich pAVK, Thromboseforschung und Therapiestudien), oder Wechsel in die Industrie (z. B. Medizinprodukte für Gefäßinterventionen).
Wie ist der Stellenmarkt für Angiologen in Deutschland?
Besser als sein Ruf. Weil das Fach relativ klein ist, sind Stellen in Gefäßzentren und spezialisierten Praxen aus Bewerbersicht gut zu besetzen. Die Nachfrage wächst durch die demografische Entwicklung und die Zunahme gefäßassoziierter Erkrankungen. Besonders in ländlichen Regionen und Mittelstädten sind spezialisierte Angiologen gesucht.
Gibt es Zusammenhänge zwischen Angiologie und Herzerkrankungen?
Ja – und sie sind klinisch relevant. Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) ist ein Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall, weil sie häufig auf einer generalisierten Arteriosklerose basiert. Angiologen und Kardiologen teilen viele Patienten. Die Grenze zwischen den Fächern ist fließend – besonders bei der Kombination von koronarer Herzerkrankung und pAVK. Das macht interdisziplinäre Arbeit notwendig, aber auch inhaltlich interessant.
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Über den Autor

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Eidgenössisch anerkannter Zahnarzt und Gründer der Medizinerschmiede
Marcel Kloos gründete die Medizinerschmiede bereits im Auslandsstudium, seither wurden über 500 Studienplätze vermittelt. Der gebürtige Stuttgarter studierte Zahnmedizin von 2015 bis 2021 in Sofia und ist eidgenössisch anerkannter Zahnarzt.
Heute lebt er in Bern und führt die Medizinerschmiede hauptberuflich als Inhaber.
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