Wie sieht ein typischer Tag einer Medizinstudentin aus? Bosnien und Deutschland im Vergleich
22.08.2026
Das Wichtigste in Kürze
- Den einen typischen Tag gibt es nicht: In beiden Ländern wechseln sich randvolle Pflichttage mit fast freien Tagen ab – geplant wird Woche für Woche.
- Die Anwesenheitspflicht ist streng: In Lübeck ist in Praktika meist nur ein Fehltag drin, in Bosnien wird es ab drei Fehlstunden kritisch für die nötige Unterschrift.
- Beide setzen auf realistische Lernpläne mit Puffer statt Perfektion – und beide geben zu, dass sie sich nicht immer daran halten.
- Durchfallen gehört dazu: In Bosnien bestehen von rund 130 Studierenden oft nur etwa zehn alle drei großen Fächer im ersten Versuch – das System plant Wiederholungen bewusst ein.
Gibt es den typischen Tag im Medizinstudium überhaupt?
Die erste Erkenntnis der Folge: eigentlich nicht. In Bosnien ist die Grundstruktur über die Jahre gleich geblieben, nur der Präsenzanteil ist im zweiten Jahr gesunken – im ersten Jahr standen teilweise sogar Samstage und Sonntage auf dem Plan, was Erika als kleinen Kulturschock beschreibt. In Deutschland ändert sich der Alltag dagegen deutlich mit dem Physikum: Die ersten zwei Jahre sind voller Präsenztermine, danach wird es spürbar freier.
„Bei uns ist halt auch immer so, den einen Tag hast du gar nichts, den anderen Tag wieder alles voll.“ – Erika, Medizinstudentin in Bosnien
Genau dieser Wechsel aus vollen und leeren Tagen ist der eigentliche gemeinsame Nenner. Wer jeden Tag stur vier Stunden Bibliothek einplant, scheitert an der Realität – sinnvoller ist es, die Kapazitäten jeder Woche einzeln zu planen.
Wie voll ist der Stundenplan – und wie streng die Anwesenheitspflicht?
Anders als in vielen anderen Studiengängen stellt man sich den Stundenplan im Medizinstudium nicht selbst zusammen: In Lübeck wie in Bosnien wird er fest vorgegeben und ist online Wochen im Voraus einsehbar – in Bosnien meist drei Wochen vorher, sortiert nach Gruppen. Die früheste Vorlesung beginnt an beiden Orten um 8 Uhr. In Bosnien kann sich ein voller Tag aber von 8 bis 21 Uhr ziehen, teils mit acht Stunden Vorlesungen und Lab-Classes am Stück, in denen nur der Raumwechsel Zeit zum Essen lässt.
Streng ist vor allem die Anwesenheitspflicht. In Lübeck darf man in den wöchentlichen Praktika höchstens einmal fehlen; wer zweimal fehlt, muss um die Anerkennung kämpfen. In Bosnien heißt es ab drei Fehlstunden: ein Seminar über ein zugeteiltes Thema schreiben und präsentieren – und bei noch mehr Fehlzeiten wackelt die Unterschrift, die für die Zulassung zur Abschlussprüfung nötig ist.
| Alltag und Pflichten | Bosnien | Deutschland (Lübeck) |
|---|---|---|
| Früheste Vorlesung | 8 Uhr | 8 Uhr |
| Volle Tage | Bis zu 8 bis 21 Uhr; im ersten Jahr teils auch am Wochenende | Vorklinik: morgens bis spät nachmittags, danach deutlich freier |
| Fehltage | Ab drei Fehlstunden Seminar plus Präsentation; Unterschrift in Gefahr | In Praktika meist nur ein Fehltag möglich |
| Stundenplan | Fest vorgegeben, nach Gruppen, rund drei Wochen im Voraus online | Fest vorgegeben, online einsehbar |
| Nebenjob | Wegen der Taktung schwierig | Für die meisten erst nach dem Physikum realistisch |
Trotz aller Pflichttermine bleibt das Studium flexibler als eine Ausbildung mit geregeltem Arbeitsalltag. Die Kehrseite: Kaum jemand läuft einem hinterher. Wer im Medizinstudium bestehen will, braucht vor allem Selbstdisziplin.
Wie sieht der härteste Tag der Woche aus?
Sophies Beschreibung des berüchtigtsten Lübecker Tages: 8 Uhr Zusatzseminar Biochemie – zwei Stunden Vorträge, direkt danach ein schriftliches Testat mit fünf Fragen. Anschließend Vorlesungen, mittags höchstens eine kurze Pause, und nachmittags ein Laborpraktikum, im Sommer bei 25 Grad im Laborkittel. Erika kennt das Gefühl aus dem Chemielabor in Bosnien nur zu gut: zwei Stunden auf einer Stelle stehen, zehn Personen in einem kleinen Raum, dazu die Gerüche.
Ihr gemeinsamer Rat: solche Tage vorher im Online-Stundenplan erkennen, die Woche drumherum entlasten – und akzeptieren, dass an solchen Tagen abends nichts Produktives mehr passiert. Ein fester Anker hilft: In Lübeck ist es für Sophie die Mensa-Pause gegen 12 oder 13 Uhr, die als täglicher Reset funktioniert.
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Was bedeutet „Praktikum“ im Medizinstudium wirklich?
Mit einem Schülerpraktikum hat das nichts zu tun. Ein Praktikum an der Universität ist eine praktische Übungseinheit von drei bis vier Stunden: In Biochemie wird pipettiert und gemessen, in Physiologie werden Versuche durchgeführt. In Lübeck gehören dazu Biochemie, Physiologie, Chemie und Physik – jede Woche, mit Unterschrift als Leistungsnachweis am Ende.
In Bosnien ist jedes Fach in Vorlesungen und Lab-Classes aufgeteilt, die in kleinen Gruppen stattfinden. Dort wird auch gerne spontan geprüft: In Chemie gab es nach den Experimenten regelmäßig kurze Tests mit 10 bis 20 Fragen, und mancher Professor beginnt mitten in der Stunde eine kleine mündliche Abfrage. In den großen Vorlesungen dagegen wird niemand aufgerufen – aufpassen muss, wer in der Kleingruppe sitzt.
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Wie bleibt Zeit für Sport, Freunde und Ausgleich?
Beide sind sich einig: Der Ausgleich ist keine Kür, sondern Überlebensstrategie. Sophie hat über den Hochschulsport zum Cheerleading gefunden und ist durch ihren Freundeskreis zur Läuferin geworden – gerade in Klausurenphasen sei die soziale Komponente des Trainings Gold wert, auch wenn die Teilnehmerzahlen dann überall sinken. Ihr Grundsatz: sich nicht über das Studium allein definieren.
„Man darf sich während der Klausurenphase und auch generell im Alltag einfach nicht zu sehr isolieren, weil ich finde, dann macht das Medizinstudium auch wirklich deutlich weniger Spaß, wenn man das Gefühl hat, dass man da so ein Einzelkämpfer sein muss.“ – Sophie, Medizinstudentin der Universität Lübeck
Erika lebt in einer kleinen Universitätsstadt am Fluss – Sportprogramme der Universität gibt es dort kaum, dafür im Sommer vergünstigtes Rafting. Ihr Ausgleich sind Spaziergänge und Kaffee mit der Mitbewohnerin, kleine Rituale, die auch in stressigen Phasen bleiben. Ihr Fazit: Von morgens bis abends am Schreibtisch zu sitzen bringt am Ende niemanden weiter.
Wie plane ich mein Lernen realistisch?
Erika nennt sich selbst lachend den schlechtesten Ansprechpartner dafür – ihre erste Prüfung wurde knapp, weil das neue Umfeld spannender war als der Lernplan. Daraus hat sie ein einfaches System entwickelt: Sie rechnet den Stoff in Seiten oder Anki-Karten um, teilt ihn durch die verfügbaren Tage und plant zwei Puffertage ein. Die Anki-Decks erstellt ein Kommilitone für den ganzen Jahrgang – geteiltes Material, das allen hilft.
Sophie hat nach dem Physikum umgestellt: Etwa einen Monat vor der ersten Klausur blockt sie Lernzeiten im Kalender und arbeitet sich an den Lernzielkatalogen entlang, die den Umfang jedes Themas sichtbar machen. Und sie ist ehrlich: An die Blöcke hält sie sich längst nicht immer – aber allein der Plan nimmt der Klausurenphase die größte Hürde, nämlich das Anfangen.
Der vielleicht wichtigste Punkt der Folge: Der perfekt organisierte Musterstudent ist ein Mythos. Beide beschreiben, dass sie sich rückblickend fragen, wie manche Prüfung bestanden wurde – und dass genau dieses Gefühl fast alle kennen. Perfektionismus aus der Schulzeit muss man im Medizinstudium ablegen, sonst verliert man den Blick für die anderen Fächer.
Wie schlimm ist es, durch eine Prüfung zu fallen?
Deutlich weniger schlimm, als es sich anfühlt. In Bosnien ist Durchfallen fest ins System eingebaut: Es gibt mehrere Prüfungstermine, und wer zwei Fächer nicht besteht, hat das Studienjahr trotzdem geschafft. Bei den drei großen Fächern des ersten Jahres – Anatomie, Histologie und Biologie – bestehen von rund 130 Studierenden oft nur etwa zehn alles im ersten Versuch. Viele planen ihre Versuche deshalb bewusst: erst Immunologie, dann Chemie im nächsten Termin.
In Lübeck ist der Takt enger: Wer durchfällt, schreibt in der Regel etwa einen Monat später nach, und manche Fächer setzen andere voraus – ohne bestandene Chemie keine Biochemie. Trotzdem gilt auch hier: Eine nicht bestandene Klausur ist keine Schande. Sophie erzählt offen, dass sie eine Klausur nur bestanden hat, weil die Bestehensgrenze um drei Punkte gesenkt wurde – und dass in anderen Studiengängen das Durchfallen viel selbstverständlicher eingeplant wird.
„Im Endeffekt interessieren die Noten jemanden ja auch gar nicht mehr, wenn du irgendwo arbeiten möchtest.“ – Erika, Medizinstudentin in Bosnien
| Noten und Wiederholungen | Bosnien | Deutschland (Lübeck) |
|---|---|---|
| Notensystem | Skala bis 10; ab 6 ist bestanden | Bestanden oder nicht bestanden, Bestehensgrenzen können angepasst werden |
| Wiederholung | Mehrere Prüfungstermine, Versuche werden bewusst geplant | Nachschreibetermin meist rund einen Monat später |
| Puffer im System | Mit zwei nicht bestandenen Fächern ist das Studienjahr trotzdem bestanden | Fächer bauen aufeinander auf – ohne Chemie keine Biochemie |
| Kultur | Durchfallen ist normalisiert und eingeplant | Anspruch, möglichst alles im ersten Anlauf zu schaffen |
Genauso normal wie das Durchfallen sind die Selbstzweifel: Phasen, in denen ein Fach unbezwingbar wirkt, kennen beide – Sophie etwa bei Physik und Chemie, die sie in der Schule abgewählt hatte. Bestanden hat sie trotzdem. Man muss nicht jedes Fach lieben, um eine gute Ärztin zu werden.
Meinung des Autors
Der Satz der Folge ist für mich Erikas Beobachtung, dass von 130 Studierenden nur eine Handvoll alle drei großen Fächer im ersten Versuch besteht – und dass das dort niemanden aus der Bahn wirft. Ich habe selbst Zahnmedizin in Sofia studiert, von 2015 bis 2021, und genau dieses System aus mehreren Prüfungsterminen habe ich als einen der größten Vorteile des Studiums im Ausland erlebt: Der Druck verteilt sich, statt sich in einem einzigen Termin zu stauen.
Was ich aus der Beratung ergänzen kann: Die Frage nach dem Alltag stellen mir Bewerberinnen und Bewerber fast nie – dabei entscheidet genau er darüber, ob die sechs Jahre gut werden. Deshalb lohnt sich diese Folge für alle: Das Medizinstudium in Bosnien unterscheidet sich gar nicht wesentlich vom Medizinstudium in Deutschland – nur dass es dort deutlich mehr Wiederholungsklausuren gibt, wodurch der Druck insgesamt niedriger ist.
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Fazit: Den perfekten Studienalltag gibt es nicht – und das ist in Ordnung
- Volle und leere Tage wechseln sich ab – geplant wird pro Woche, nicht pauschal pro Tag.
- Anwesenheitspflichten ernst nehmen: Fehltage sind an beiden Orten knapp bemessen.
- Konstanten schaffen: eine Mensa-Pause, eine Laufrunde, Kaffee mit Freunden – gerade in Klausurenphasen.
- Realistisch planen, Puffer einbauen, Perfektionismus ablegen – Durchfallen ist keine Schande.
Sophies Schlusswort der Folge bringt es auf den Punkt: Es ist in Ordnung, gestresst zu sein und nicht der perfekte Student zu sein. Niemand muss um 7 Uhr einen Halbmarathon gelaufen sein – solange man den Überblick behält, ist alles gut. Wie das erste Studienjahr mit Fächern und Prüfungen aufgebaut ist, liest du in Folge 3: Das erste Studienjahr im Vergleich.
Häufige Fragen zum Alltag im Medizinstudium
Wie viele Stunden am Tag ist man im Medizinstudium an der Universität?
Das schwankt stark. In Bosnien kann ein voller Tag von 8 bis 21 Uhr dauern, teils mit acht Stunden Programm am Stück – dafür sind andere Tage komplett frei. In der deutschen Vorklinik ist man an Praktikumstagen oft von morgens bis spät nachmittags eingebunden; nach dem Physikum wird es deutlich freier.
Gibt es im Medizinstudium Anwesenheitspflicht?
Ja, vor allem in Praktika und Kleingruppen. In Lübeck ist meist nur ein Fehltag pro Praktikum möglich, in Bosnien muss ab drei Fehlstunden ein Seminar geschrieben und präsentiert werden – bei mehr Fehlzeiten ist die Unterschrift für die Prüfungszulassung in Gefahr. Große Vorlesungen sind dagegen oft ohne Pflicht.
Kann man neben dem Medizinstudium arbeiten?
In der Vorklinik ist das wegen des festen Stundenplans schwierig – die meisten von Sophies Freunden konnten erst nach dem Physikum nebenher arbeiten. Auch in Bosnien lässt die Taktung aus Vorlesungen und Lab-Classes wenig Raum für einen Nebenjob.
Gibt es im Medizinstudium Unterricht am Wochenende?
In Deutschland normalerweise nicht. In Bosnien standen im ersten Studienjahr teilweise auch Samstage und vereinzelt Sonntage auf dem Plan – ab dem zweiten Jahr war das vorbei und der Präsenzanteil insgesamt geringer.
Wie plant man das Lernen im Medizinstudium am besten?
Zwei erprobte Methoden aus der Folge: den Stoff in Seiten oder Anki-Karten zählen, durch die verfügbaren Tage teilen und zwei Puffertage einplanen – oder etwa einen Monat vor der Klausur Zeitblöcke je Thema in den Kalender legen und sich an Lernzielkatalogen orientieren. Wichtiger als der perfekte Plan ist, überhaupt anzufangen.
Ist es schlimm, im Medizinstudium durch eine Prüfung zu fallen?
Nein. In Bosnien ist Durchfallen fest eingeplant – mit mehreren Prüfungsterminen, und selbst mit zwei nicht bestandenen Fächern gilt das Studienjahr als bestanden. In Deutschland wird meist rund einen Monat später nachgeschrieben. Eine nicht bestandene Klausur sagt nichts darüber aus, ob jemand eine gute Ärztin oder ein guter Arzt wird.
Bleibt im Medizinstudium Zeit für Hobbys und Freunde?
Ja – wenn man sie sich bewusst nimmt. Beide Studentinnen halten feste Rituale: Laufen, Hochschulsport, Spaziergänge oder Kaffee mit Freunden. Gerade in Klausurenphasen ist dieser Ausgleich wichtig, um sich nicht zu isolieren.
Was Studierende über die Medizinerschmiede sagen
Über 500 vermittelte Studienplätze an mehr als 25 Partneruniversitäten in über 10 Ländern. Die Erfahrungen unserer Studierenden kannst du unabhängig auf Trustpilot nachlesen.
Über den Autor

Marcel Kloos
Eidgenössisch anerkannter Zahnarzt und Gründer der Medizinerschmiede
Marcel Kloos gründete die Medizinerschmiede bereits im Auslandsstudium, seither wurden über 500 Studienplätze vermittelt. Der gebürtige Stuttgarter studierte Zahnmedizin von 2015 bis 2021 in Sofia und ist eidgenössisch anerkannter Zahnarzt.
Heute lebt er in Bern und führt die Medizinerschmiede hauptberuflich als Inhaber.
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