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Ratgeber

Landarztmangel: Was Australien, Norwegen und Kanada besser machen als Deutschland

Landarztmangel: Was Australien, Norwegen und Kanada besser machen als Deutschland

02.09.2026

9 Min. Lesezeit

In manchen Landkreisen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern liegt die nächste Hausarztpraxis 30 bis 40 Kilometer entfernt. Wer kein Auto hat, alt oder schwer krank ist, steht vor einem ernsten Problem. Und das Problem wird nicht kleiner: Rund 50.000 Arztpraxen sollen bis 2035 in Deutschland in die Hände der nächsten Generation übergehen. Nachfolger fehlen oft.

Deutschland ist nicht allein mit dieser Herausforderung. Kanada, Australien, Norwegen und sogar Japan kämpfen mit ähnlichen Strukturproblemen in ländlichen Regionen. Aber einige dieser Länder haben Antworten gefunden, die Deutschland bisher kaum ernsthaft diskutiert – teils weil sie unbequem sind, teils weil sie in einem anderen Systemkontext entstanden sind.

Dieser Artikel zeigt, welche Ansätze international funktionieren, wie sie konkret aussehen und was Ärzteschaft und Studieninteressierte heute daraus ablesen können.

Das Ausmaß des Problems – Deutschland im internationalen Kontext

Die OECD misst die Ärztedichte (Anzahl der Ärzte pro 1.000 Einwohner) und die Verteilung zwischen Stadt und Land. Deutschland schneidet bei der absoluten Ärztedichte zwar gut ab (rund 4,4 Ärzte pro 1.000 Einwohner, über dem EU-Schnitt). Aber diese Zahl verbirgt das eigentliche Problem: Die Verteilung ist extrem ungleich. In München gibt es mehr als doppelt so viele Allgemeinärzte pro Kopf wie in ländlichen Teilen Ostdeutschlands.

Kanada steht vor derselben Diskrepanz: Die Bevölkerung, die in ländlichen Gebieten lebt (rund 20 Prozent), hat Zugang zu weniger als 10 Prozent der Ärzte. Australien hat riesige dünn besiedelte Flächen, in denen die Versorgungsfrage eine existenzielle Dimension hat. Japan verliert in ländlichen Regionen Ärzte, während die Bevölkerung überdurchschnittlich altert.

Australien: Pflichtprogramme und finanzielle Anreize

Australien hat das Problem früh erkannt und eines der elaboriertesten Anreizsysteme weltweit entwickelt. Das Schlüsselinstrument ist die sogenannte „Distribution Priority Area“-Klassifikation: Regionen werden nach Unterversorgungsgrad eingestuft, und Ärzte, die sich in solchen Gebieten niederlassen, erhalten erhebliche finanzielle Vorteile.

Konkret: Ausländische Ärzte – die in Australien einen erheblichen Teil der Landarztversorgung übernehmen – erhalten ihre volle Zulassung in Australien oft nur, wenn sie sich für mindestens 10 Jahre in einer unterversorgten Region verpflichten. Zusätzlich zahlt die Regierung direkte Subventionen an Ärzte in Versorgungsmangelgebieten (Rural Procedural Grants Programme), die klinische Eingriffe in der Gemeinschaft durchführen.

Australien investiert zudem in die Ausbildung: Über das „John Flynn Placement Programme“ absolvieren Medizinstudierende verpflichtend mehrwochen Einsätze in ländlichen Regionen. Studien zeigen, dass Ärzte, die während des Studiums längere Erfahrungen auf dem Land gemacht haben, mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit später dort praktizieren.

Norwegen: Gehaltsbonus, Dienstentlastung und Karriereattraktivität

Norwegen hat ein Modell entwickelt, das auf einem anderen Prinzip basiert: nicht Pflicht, sondern substanzielle positive Anreize. Ärzte, die in unterversorgten Regionen in Nord- und Mittelnorvegen arbeiten, erhalten Gehaltszuschläge von 20 bis 40 Prozent gegenüber dem stadtländlichen Median. Zusätzlich werden Studierendenschulden erlassen – in einem System, in dem das Medizinstudium grundsätzlich kostenlos ist, eine symbolisch wichtige Ergänzung.

Besonders interessant: Norwegen hat frühzeitig in die Telemedizin investiert. Landpraktiker sind nicht allein. Sie können Fachkollegen in großen Zentren per Videokonsultation einbeziehen, Bilder digital befunden lassen und erhalten strukturierten fachlichen Rückhalt. Das macht den Dienst auf dem Land attraktiver und sicherer.

Daneben wurde das Karrierebild des Landarztes in Norwegen gesellschaftlich aufgewertet. Allgemeinmedizin gilt als anspruchsvoller Generalistenberuf, nicht als Verlegenheitslösung. Das spielt psychologisch eine größere Rolle, als nüchterne Systemanalysen oft einräumen.

Kanada: Regionale Ausbildung als Weichenstellung

Kanada hat erkannt, dass der wirksamste Zeitpunkt für die Beeinflussung von Standortentscheidungen nicht das Ende der Facharztausbildung ist, sondern der Beginn des Medizinstudiums. Mehrere Provinzen haben deshalb regional orientierte Medizinprogramme eingerichtet: Northern Ontario School of Medicine (NOSM), University of Manitoba Rural Medicine oder das University of British Columbia Southern Medical Program.

Diese Programme bilden Medizinstudierende von Beginn an in ländlichen Regionen aus – Lehrpraxen, Praktika und klinische Ausbildung finden dezentral statt. Studien aus Kanada zeigen, dass Ärzte, die in ländlichen Programmen ausgebildet wurden, drei- bis viermal häufiger in ländlichen Regionen praktizieren als Kollegen aus städtischen Programmen.

Deutschland: Was es gibt – und was fehlt

Deutschland hat in den letzten Jahren einige Instrumente eingeführt: Den Landarztquoten-Ansatz (mehrere Bundesländer reservieren Studienplätze für Bewerber, die sich verpflichten, später auf dem Land zu praktizieren), Sondervergütungen für Landpraxen durch die Kassenverbände und förderfähige Niederlassungszuschüsse.

Was bisher nicht passiert: Eine systematische Neugestaltung des Ausbildungssystems nach kanadischem Vorbild. Kein Bundesland hat bisher ein vollständig ländlich ausgerichtetes Medizinstudium eingeführt. Die Landarztquoten bleiben Randphänomen. Und die gesellschaftliche Aufwertung des Allgemeinmediziner-Berufs – wie in Norwegen praktiziert – ist im deutschen Diskurs kaum verankert.

Zusammenfassung

Der Landarztmangel ist ein globales Phänomen, aber keine unlösbare Aufgabe. Australien, Norwegen und Kanada zeigen, dass eine Kombination aus frühzeitiger Ausbildungsorientierung, finanziellen Anreizen und gesellschaftlicher Aufwertung des Berufsbilds wirkt. Deutschland hat ansätze, aber keines dieser Modelle konsequent umgesetzt. Für Medizinstudierende ist das auch eine Information: Wer auf dem Land praktizieren möchte, findet in Deutschland – und erst recht in Australien, Norwegen und Kanada – heute mehr Förderung als je zuvor.

  • Australien nutzt Pflichtprogramme für ausländische Ärzte und direkte Subventionen für unterversorgte Regionen.
  • Norwegen setzt auf Gehaltsbonus, Telemedizinanbindung und gesellschaftliche Aufwertung der Allgemeinmedizin.
  • Kanada bildet seit den 2000er Jahren gezielt in ländlichen Medizinprogrammen aus.
  • Deutschland hat Landarztquoten und Zuschlüsse – aber kein kohärentes, systematisch umgesetztes Gegenprogramm.
  • Studien belegen: Wer während des Studiums auf dem Land praktiziert, praktiziert später dreimal häufiger dort.

Häufige Fragen zum Landarztmangel

Wie groß ist der Landarztmangel in Deutschland?

Bis 2035 müssen laut Schätzungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung rund 50.000 Praxen übergeben werden. In vielen ländlichen Regionen – besonders in Ostdeutschland – fehlen bereits heute Nachfolger, was zu Versorgungslücken führt.

Was ist die Landarztquote in Deutschland?

Mehrere Bundesländer reservieren seit 2019 bis zu 10 Prozent der Medizinstudienplätze für Bewerber, die sich verpflichten, später mindestens zehn Jahre in unterversorgten Regionen als Hausarzt zu praktizieren. Die Note spielt dabei eine geringere Rolle.

Wie löst Australien den Landarztmangel?

Australien kombiniert finanzielle Anreize (Subventionen, höhere Abrechnüngen), verpflichtende ländliche Studienaufenthalte für Medizinstudierende und Arbeitsbedingungen für ausländische Ärzte, die ihre Zulassung an einen Landarzteinsatz knüpfen. Zusätzlich wurde in Telemedizin investiert.

Verdienen Landlots in Norwegen mehr?

Ja. Ärzte in unterversorgten Regionen erhalten in Norwegen Gehaltszuschläge von 20 bis 40 Prozent, kombiniert mit Schuldenerlass, Unterstützung bei der Niederlassung und Anbindung an Fachzentren über Telemedizinsysteme.

Wirkt die Landarztquote in Deutschland?

Erste Auswertungen aus Bayern und Baden-Württemberg zeigen, dass die Bewerberinnen und Bewerber über die Landarztquote im Schnitt tatsächlich aus ländlichen Regionen stammen und eine höhere Bereitschaft zeigen, später dort zu praktizieren. Ob das langfristig die Versorgungsstruktur verändert, wird in rund zehn Jahren messbar sein.

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Eidgenössisch anerkannter Zahnarzt und Gründer der Medizinerschmiede

Marcel Kloos gründete die Medizinerschmiede bereits im Auslandsstudium, seither wurden über 500 Studienplätze vermittelt. Der gebürtige Stuttgarter studierte Zahnmedizin von 2015 bis 2021 in Sofia und ist eidgenössisch anerkannter Zahnarzt.

Heute lebt er in Bern und führt die Medizinerschmiede hauptberuflich als Inhaber.

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