Telemedizin 2026: Wie Australien, Norwegen und Deutschland die digitale Sprechstunde regeln
05.09.2026
Was ist Telemedizin – und was zählt dazu?
Telemedizin umfasst alle medizinischen Leistungen, die ohne physische Anwesenheit von Arzt und Patient erbracht werden – per Telefon, Video, Chat oder über automatisierte digitale Systeme. Gängige Kategorien sind: die Videosprechstunde (synchroner Arzt-Patienten-Kontakt via Video), die Tele-Konsultation zwischen Ärzten (z.B. Radiologie, Pathologie), das Telemonitoring (kontinuierliche Fernüberwachung von Vitalparametern bei Chronikern) sowie Telepsychiatrie und -psychotherapie.
Wichtig zu unterscheiden: Telemedizin ist nicht dasselbe wie digitale Gesundheit (eHealth) allgemein. Eine elektronische Patientenakte ist eHealth. Die Fernverschreibung eines Rezepts nach einem Videogespräch ist Telemedizin. Diese Abgrenzung ist regulatorisch bedeutsam – denn was erlaubt ist und wie es vergütet wird, unterscheidet sich erheblich zwischen den Ländern.
Australien: Telemedizin als Säule des öffentlichen Gesundheitssystems
Australien hat die Telemedizin weltweit besonders konsequent in das öffentliche Gesundheitssystem integriert. Der Schlüsselmoment war die COVID-19-Pandemie: Im März 2020 öffnete Medicare – das australische Pflichtversicherungssystem – innerhalb von Tagen die Abrechnung für telemedizinische Konsultationen. Innerhalb weniger Wochen wurden aus kaum 0,1 Prozent telemedizinischer Leistungen plötzlich über 30 Prozent aller GP-Kontakte. Dieser Schritt wurde 2021 dauerhaft verankert.
Heute rechnen australische Allgemeinärzte (GPs) Videokonsultationen direkt über Medicare ab – zu vergleichbaren Tarifen wie Präsenztermine, sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind (u.a. eine bestehende Arzt-Patient-Beziehung). Für abgelegene Regionen (rural and remote areas) sind die Regelungen noch großzügiger: Dort werden auch Erstkontakte per Telemedizin vergütet, weil persönliche Erreichbarkeit strukturell nicht gewährleistet ist.
Das ergibt für die australische Geografie Sinn: Das Land ist riesig, und Millionen Menschen leben Hunderte Kilometer von der nächsten Arztpraxis entfernt. Telemedizin ist dort nicht Bequemlichkeit, sondern Notwendigkeit. Mit dem Programm Telehealth Rural Australia (TRA) wurden zudem spezielle Förderungen für abgelegene Gemeinden geschaffen, die sonst kaum fachärztliche Versorgung hätten.
Norwegen: Digitale Erstversorgung als selbstverständliche Option
Norwegen hat in den letzten Jahren einen interessanten hybriden Weg eingeschlagen: neben dem traditionellen Hausarztsystem (fastlege) hat sich ein wachsender privater Telemedizin-Sektor entwickelt, der über Plattformen wie Kry, Hjemmelegene oder Dr. Dropin zugänglich ist. Diese bieten Videokonsultationen on demand an. Gleichzeitig können norwegische Allgemeinärzte (fastleger) seit 2022 Konsultationen per Video abrechnen. Das Helsenorge-Portal bündelt alle digitalen Gesundheitsdienste in einer zentralen Plattform.
Vereinigte Staaten: Deregulierung als Pandemie-Erbe
In den USA hat COVID-19 die Telemedizin-Nutzung dramatisch beschleunigt. Medicare hatte bis 2020 strenge Einschränkungen für Telemedizin. Mit dem CARES Act (2020) wurden diese Einschränkungen temporär aufgehoben und seitdem mehrfach verlängert. Heute ist Telemedizin in den USA fester Bestandteil des Versorgungssystems. Anbieter wie Teladoc, MDLive und Amazon Clinic bieten landesweit digitale Arzt-Patienten-Kontakte an. Die Regelungen variieren stark zwischen den Bundesstaaten, ein Compact Agreement zwischen 40 Bundesstaaten erleichtert seit 2023 die Lizenzierung für Telemediziner.
Deutschland: Vorsichtige Öffnung mit strukturellen Hürden
In Deutschland war Telemedizin bis 2019 durch das sogenannte Fernbehandlungsverbot stark eingeschränkt. 2019 öffnete der Deutsche Ärztetag dieses Verbot schrittweise: Seitdem dürfen Ärzte im Einzelfall auch Patienten behandeln, die sie noch nie persönlich gesehen haben – wenn dies medizinisch vertretbar ist. Videosprechstunden werden über KV-Abrechnungen vergütet. Seit 2023 können Krankschreibungen dauerhaft bis zu 5 Tage per Telefon ausgestellt werden.
Die Vergütungsstrukturen bleiben komplex: Kassenärztliche Vereinigungen setzen Obergrenzen für telemedizinische Kontakte pro Quartal, und die Technikinfrastruktur ist teuer. Das erklärt, warum Telemedizin in Deutschland im europäischen Vergleich noch immer deutlich seltener genutzt wird als in Skandinavien oder Australien.
Was Telemedizin für angehende Ärzte bedeutet
Wer heute Medizin studiert, wird in einem System arbeiten, das digitale Versorgungsformen als selbstverständlich voraussetzt. Die Fähigkeit, eine Anamnese per Video zu erheben, nonverbale Signale auch ohne physische Anwesenheit zu erkennen und Grenzen der Ferndiagnostik klar zu kommunizieren, ist eine Kompetenz, die im Medizinstudium heute noch kaum systematisch gelehrt wird. In Australien und den USA gehört Telehealth Training zum festen Bestandteil vieler Medizin-Curricula. Wer sich frühzeitig damit befasst, verschafft sich einen Vorsprung für die ärztliche Praxis der Zukunft.
Meinung des Autors
Ich habe in den letzten Jahren beobachtet, wie Deutschland bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens regelmäßig zu den Nachzüglern gehört – nicht weil es an klugen Köpfen mangelt, sondern weil die Regulierung zu langsam ist und die Interessengruppen zu viele Veto-Möglichkeiten haben. Telemedizin ist dafür ein Paradebeispiel: Ein Fernbehandlungsverbot, das über 100 Jahre alt war, hat die Entwicklung gebremst – und der Aufholbedarf ist erheblich.
Was mich aber optimistisch stimmt: Die junge Ärztegeneration ist digitaler aufgestellt als je zuvor. Wer heute Medizin studiert, nutzt selbstverständlich digitale Tools und versteht Datenschutz nicht als abstraktes Thema. Diese Generation wird das Gesundheitssystem von innen heraus verändern. Meine Empfehlung: Wartet nicht darauf, dass das System euch die Telemedizin-Kompetenz beibringt. Bildet euch selbst weiter, schaut euch an, was in Australien oder Norwegen funktioniert, und tragt diese Perspektive in eure künftigen Praxen und Abteilungen.
Fazit
Australien und Norwegen zeigen, wie Telemedizin funktionieren kann, wenn das System mitspielt: durch klare Abrechnungsregelungen, gute technische Infrastruktur und eine Ärzteschaft, die digitale Kontakte als legitimen Teil der Versorgung betrachtet. Deutschland hat die regulatorischen Weichen in den letzten Jahren gestellt – aber die Umsetzung hinkt noch immer hinterher.
Für Medizinstudierende bedeutet das vor allem: Bereitet euch auf eine hybride ärztliche Praxis vor. Lernt, wie ihr eine Videoanamnese strukturiert, welche Diagnosen sicher per Fernkontakt gestellt werden können – und welche nicht. Diese Kompetenzen werden zunehmend erwartet. Und wer jetzt damit anfängt, wird in der Weiterbildung und im Berufsleben einen echten Vorteil haben.
Häufige Fragen
Darf ein Arzt in Deutschland Patienten per Video behandeln, die er noch nicht kennt?
Ja, seit 2019 ist das im Einzelfall und wenn medizinisch vertretbar erlaubt. Das frühere generelle Fernbehandlungsverbot wurde durch den Deutschen Ärztetag aufgehoben. In der Praxis setzen die Kassenärztlichen Vereinigungen aber Rahmenbedingungen und Mengenbegrenzungen für telemedizinische Leistungen.
Wie wird eine Videosprechstunde in Deutschland abgerechnet?
Videosprechstunden können über die kassenärztliche Abrechnung (KV) geltend gemacht werden. Kassenärzte benötigen dafür eine zertifizierte Software und müssen bestimmte technische Anforderungen erfüllen. Die Vergütung ist vergleichbar mit Präsenzkontakten, aber mit Quotenbegrenzungen pro Quartal.
Warum ist Telemedizin in Australien so viel weiter entwickelt als in Deutschland?
Australiens Geografie macht Telemedizin notwendig: Millionen Menschen leben weit von Arztpraxen entfernt. Medicare hat Telemedizin 2020 dauerhaft in das Vergütungssystem integriert, zu fairen Tarifen. Deutschland hatte bis 2019 das Fernbehandlungsverbot – historisch gewachsene Regulierung, die erst schrittweise gelockert wird.
Welche Diagnosen kann man nicht per Telemedizin stellen?
Diagnosen, die eine körperliche Untersuchung zwingend erfordern, können nicht sicher per Fernkontakt gestellt werden: dazu gehören die Beurteilung von Lymphknoten, Ödemen, Herzgeräuschen, Bauchbefunden und vieles mehr. Telemedizin ist am besten für Folge- und Routinekontakte bei bekannten Erkrankungen geeignet, für Rezeptausstellungen und für die Triage.
Welche Rolle spielt KI in der Telemedizin?
KI-gestützte Symptomchecker und Triagesysteme werden zunehmend als Erstanlaufstelle genutzt. In Deutschland sind solche Systeme regulatorisch als Medizinprodukte der Klasse IIa oder höher eingestuft und müssen CE-zertifiziert sein.
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Über den Autor

Marcel Kloos
Eidgenössisch anerkannter Zahnarzt und Gründer der Medizinerschmiede
Marcel Kloos gründete die Medizinerschmiede bereits im Auslandsstudium, seither wurden über 500 Studienplätze vermittelt. Der gebürtige Stuttgarter studierte Zahnmedizin von 2015 bis 2021 in Sofia und ist eidgenössisch anerkannter Zahnarzt.
Heute lebt er in Bern und führt die Medizinerschmiede hauptberuflich als Inhaber.
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