Teilzeit im Arztberuf: Was Deutschland von den Niederlanden, Schweden und UK lernen kann
14.09.2026
Die Ausgangslage in Deutschland: Formell möglich, praktisch schwierig
In Deutschland haben Arbeitnehmer seit dem Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) aus dem Jahr 2001 ein Recht auf Teilzeit – das gilt auch für Ärzte. Seit 2019 gibt es zusätzlich das Recht auf zeitlich befristete Teilzeit (Brückenteilzeit), das die Rückkehr zur Vollzeit erleichtern soll. Auf dem Papier klingt das gut.
Die Realität in deutschen Krankenhäusern sieht jedoch häufig anders aus. Laut einer Befragung des Marburger Bundes aus dem Jahr 2022 gaben 58 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte an, dass Teilzeitwunsche zwar formal genehmigt werden, aber informelle Nachteile entstehen – etwa bei der Zuteilung von Schichtplänen, bei Weiterbildungsmöglichkeiten oder bei der Beurteilung durch Vorgesetzte. Besonders in chirurgischen Fächern ist die Kultur nach wie vor auf Vollzeitpräsenz ausgerichtet.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Die Facharztweiterbildung in Deutschland ist in ihrer Gesamtdauer in Jahren angegeben, die in der Weiterbildungsordnung der Ärztekammern festgelegt sind. Wer in Teilzeit weiterbildet, muss die Weiterbildungszeit entsprechend verlängern – was die Gesamtkarrierelänge streckt und oft als Nachteil empfunden wird.
Die Niederlande: Teilzeit ist Normalzustand
Wer die Niederlande als Vergleichsmaßstab nimmt, wird schnell überrascht. In keinem anderen Land Europas ist Teilzeitarbeit so weit verbreitet wie dort – und das gilt auch im Gesundheitssektor. Nach Daten des Dutch Healthcare Authority (NZa) aus dem Jahr 2023 arbeiten rund 68 Prozent der niederländischen Ärztinnen und immerhin 31 Prozent der Ärzte nicht in Vollzeit. Der Durchschnitt liegt bei etwa 36 Wochenstunden.
Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer Jahrzehnte langen kulturellen und strukturellen Entwicklung. Die niederländische Arbeitswelt basiert auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens, dass Teilzeit kein Zeichen von Desinteresse ist, sondern eine legitime Lebensgestaltung. Dieser Wert hat sich im Gesundheitssystem niedergeschlagen: Kliniken und Praxen sind in ihrer Personalplanung auf Teilzeitkräfte ausgerichtet, Schichtmodelle werden entsprechend gestaltet.
Auch die Facharztweiterbildung in den Niederlanden – das sogenannte AIOS-System (Arts In Opleiding tot Specialist) – sieht explizit die Möglichkeit vor, in reduziertem Umfang zu arbeiten. Das Competency-basierte Ausbildungssystem bewertet nicht primär die absolvierte Zeit, sondern die erreichten Kompetenzen. Wer die definierten Kompetenzen nachweisen kann, schließt die Weiterbildung ab – unabhängig davon, ob das in Vollzeit oder Teilzeit erfolgt ist.
Schweden: Work-Life-Balance als Systemziel
Schweden ist in vielen sozialpolitischen Bereichen Vorreiter – und das gilt auch für die Arbeitsorganisation im Gesundheitswesen. Der schwedische Sozialversicherungsanspruch auf Elternzeit (föräldraledighet) ist einer der großzügigsten der Welt: Eltern haben zusammen Anspruch auf 480 Tage bezahlter Elternzeit, von denen mindestens 90 Tage dem anderen Elternteil reserviert sind.
Im schwedischen Gesundheitssystem sind Teilzeitmodelle fest integriert. Landstingen (die schwedischen Regionen, die das Gesundheitssystem verwalten) haben Tarifverträge, die flexible Arbeitszeitmodelle für Ärzte festschreiben. Besonders relevant: In Schweden gibt es kein äquivalent zur deutschen Haltung, dass Teilzeit während der Weiterbildung die Karriere bremst. Die Weiterbildungsordnung ist so konzipiert, dass sie Lebensphasen mit Kinderbetreuungspflichten einschließt.
Ein Beispiel: Ein schwedischer Assistenzarzt, der nach der Geburt eines Kindes sechs Monate zu 60 Prozent arbeitet, behält seinen Weiterbildungsplatz, erhält weiterhin Mentor-Feedback und bekommt keine informellen Nachteile in der Beurteilung. Die Logik dahinter: Das System hat ein Interesse daran, qualifizierte Ärzte zu halten – und Flexibilität ist der Preis dafür.
UK: Flexible Training als NHS-Standard
Im National Health Service (NHS) des Vereinigten Königreichs gibt es seit 2019 eine klare Regelung: Alle Assistenzärzte in der Weiterbildung haben das Recht, „Flexible Training“ zu beantragen – also ihre Weiterbildung in Teilzeit zu absolvieren. Dieses Recht gilt ohne dass man dafür besondere Gründe nennen muss. Es reicht ein formloser Antrag an den zugeordneten Health Education England (jetzt NHS England) Deanery.
Flexible Training im NHS bedeutet, dass man zwischen 50 und 80 Prozent der normalen Vollzeitstunden arbeiten kann. Die Weiterbildungszeit verlängert sich entsprechend – aber wichtig: Man behält denselben Ausbildungsplatz, dieselbe Rotationsstruktur und dieselben Karrieremöglichkeiten wie Vollzeitkolleginnen. Das Flexible Training wird von NHS England aktiv beworben, nicht nur toleriert.
Laut Daten von NHS England aus dem Jahr 2023 nutzen etwa 12 Prozent aller Assistenzärzte in der Weiterbildung das Flexible Training – davon sind rund 75 Prozent Frauen. Interessant ist, dass die Nutzung in chirurgischen Fächern ebenfalls steigt, was zeigt, dass das Modell auch in traditionell eher vollzeitorientierten Gebieten zunehmend akzeptiert wird.
Was konkret in Deutschland fehlt
Der Vergleich macht deutlich, wo die Hebel liegen. Deutschland hat die rechtlichen Grundlagen, aber keine strukturelle Kultur der Teilzeitfreundlichkeit im Arztberuf. Was fehlt, lässt sich in drei Bereichen zusammenfassen.
Erstens fehlt eine Kompetenzbasierung der Weiterbildung. Solange die Weiterbildungsordnung primär auf Zeitvorgaben in Jahren beruht (und nicht auf nachgewiesenen Kompetenzen wie in den Niederlanden), bleibt Teilzeit strukturell nachteilig. Die Bundesvertretung der Ärztekammern diskutiert seit Jahren eine Reform – bislang mit begrenztem Ergebnis.
Zweitens fehlt eine aktive Normaliserung von Teilzeit in Leitungs- und Chefarztfunktionen. Solange Teilzeit nur als Übergangslösung für junge Eltern gilt und nicht als dauerhaftes Modell auch für erfahrene Ärzte, bleibt die Kultur eine Vollzeitkultur.
Drittens fehlt eine explizite Förderung durch Klinikträger. In den Niederlanden und UK ist die Personalplanung auf Teilzeit ausgerichtet – in Deutschland ist das die Ausnahme. Ohne eine Investition in Personalplanung und Schichtdesign wird Teilzeit immer eine Last für das Team bedeuten – und damit implizit abgeschreckt.
Meinung des Autors
Ich glaube, dass die Diskussion um Teilzeit im Arztberuf noch viel zu sehr als Frauenthema verhandelt wird. Natürlich sind es häufig Frauen, die nach der Geburt von Kindern Teilzeit beantragen. Aber das eigentliche Thema ist doch ein anderes: Wie wollen wir als Gesellschaft die Arbeit im Gesundheitssystem organisieren, damit sie langfristig tragbar ist – für Männer wie für Frauen, für Eltern wie für Nicht-Eltern?
Die Niederlande haben gezeigt, dass eine Kultur entstehen kann, in der Teilzeit selbstverständlich ist und die Versorgungsqualität trotzdem hoch bleibt. Das ist keine Utopie, das ist gelebte Realität – in einem Land mit einer vergleichbaren medizinischen Ausbildung und ähnlichen Bevölkerungsstrukturen wie Deutschland. Der einzige Unterschied ist der Mut zu strukturellen Reformen. Den wünsche ich mir auch für das deutsche Gesundheitssystem. – Marcel Kloos
Fazit
Teilzeit im Arztberuf ist in Deutschland möglich, aber nicht wirklich normal. Die Niederlande, Schweden und das UK zeigen, dass es anders geht – mit kulturellen Normen, strukturellen Reformen und expliziter politischer Unterstützung. Deutschland muss nachziehen, wenn es qualifizierte Ärztinnen und Ärzte im System halten will – denn angesichts des Fachkräftemangels kann sich das Gesundheitssystem eine Vollzeitkultur, die Menschen verdrebt, auf Dauer nicht leisten.
Für Medizinstudierende und Assistenzärzte: Informiert euch über eure Rechte nach dem TzBfG. Prüft, ob euer Weiterbildungsplatz Teilzeit ermöglicht. Und wenn ihr Erfahrungen aus dem Ausland sammeln wollt, bieten die Niederlande und Skandinavien Modelle, die zeigen, wie eine andere Arbeitskultur im Arztberuf aussehen kann.
Häufige Fragen
Kann ich als Arzt in Deutschland in Teilzeit arbeiten?
Ja, rechtlich haben Arbeitnehmer in Deutschland nach dem TzBfG einen Anspruch auf Teilzeit. In der Praxis hängt es jedoch stark vom Arbeitgeber und der Klinikkultur ab, wie reibungslos das funktioniert.
Kann ich meine Facharztweiterbildung in Teilzeit absolvieren?
Ja, das ist möglich – die Weiterbildungszeit verlängert sich entsprechend proportional. Der Antrag läuft über die zuständige Ärztekammer. In der Praxis ist die Bereitschaft der Weiterbildungsstätten jedoch sehr unterschiedlich.
In welchen Ländern ist Teilzeit im Arztberuf am verbreitetsten?
Die Niederlande sind europaweit führend – mehr als zwei Drittel der Ärztinnen arbeiten dort in Teilzeit. Skandinavische Länder wie Schweden und Norwegen sowie das UK mit seinem NHS Flexible Training-Programm gehören ebenfalls zu den Vorreitern.
Hat Teilzeit Auswirkungen auf die Facharztkarriere?
In Deutschland leider oft noch ja – informell, auch wenn es rechtlich keine Nachteile geben dürfte. In den Niederlanden und UK ist das System so aufgebaut, dass Teilzeitweiterbildung keine Karrierenachteile mit sich bringt.
Was Studierende über die Medizinerschmiede sagen
Über 500 vermittelte Studienplätze an mehr als 25 Partneruniversitäten in über 10 Ländern. Die Erfahrungen unserer Studierenden kannst du unabhängig auf Trustpilot nachlesen.
Über den Autor

Marcel Kloos
Eidgenössisch anerkannter Zahnarzt und Gründer der Medizinerschmiede
Marcel Kloos gründete die Medizinerschmiede bereits im Auslandsstudium, seither wurden über 500 Studienplätze vermittelt. Der gebürtige Stuttgarter studierte Zahnmedizin von 2015 bis 2021 in Sofia und ist eidgenössisch anerkannter Zahnarzt.
Heute lebt er in Bern und führt die Medizinerschmiede hauptberuflich als Inhaber.
Weitere interessante Artikel
Ärztliche Haftpflicht international: Was passiert, wenn Ärzten Fehler unterlaufen – ein Ländervergleich
UK-Krise im Medizinstudium: Warum Tausende jetzt ins Ausland gehen
Auslandsstudium Südafrika: Medizin studieren am Kap der guten Hoffnung

Ahmad

Sabrina

Rami

Noah
500+ vermittelte Studienplätze.
Jetzt bist du dran!
Keine Träumerei, keine leeren Versprechen. Nur ein klarer Plan – für deinen Start in das Medizinstudium.
40 Min, komplett unverbindlich