Praktisches Jahr vs. Clerkship: Was Deutschland vom US-amerikanischen und britischen Ausbildungssystem lernen kann
03.09.2026
Das Praktische Jahr in Deutschland: Stärken und bekannte Schwächen
Das PJ ist in Deutschland durch die Approbationsordnung für Ärzte (ÄAppO) geregelt. 48 Wochen klinische Ausbildung in drei Tertials (Innere Medizin, Chirurgie, Wahlfach) an einem akademischen Lehrkrankenhaus oder einer Universitätsklinik – das ist das formale Gerüst. Was es ausfüllt, variiert enorm.
An guten Lehrkrankenhäusern werden PJler in Teams integriert, nehmen an Visiten teil, führen Untersuchungen durch und diskutieren Fälle mit erfahrenen Ärzten. An schlechten Häusern sind sie billiges Personal für Blutentnahmen und Venenverweilkanülen. Die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (DGMA) hat in mehreren Befragungen erhoben, dass die Qualität des PJ stark vom Krankenhaus abhängt und oft mehr von Zufall als von System. Positiv: Das PJ ist verhältnismäßig lang (fast ein Jahr) und gibt Studierenden echte Eintauchtiefe. In einem einzigen Tertial kann man tatsächlich lernen, wie eine kardiologische Station funktioniert. Seit 2022 erhalten PJler an Unikliniken eine Aufwandsentschädigung, die je nach Bundesland zwischen 400 und 1.000 Euro monatlich variiert – ein überfälliger, aber willkommener Fortschritt.
Das US-Clerkship: Strukturierte Kompetenzentwicklung ab Jahr 3
In den USA beginnt das klinische Training an den meisten Medical Schools im dritten Jahr von vier (oder fünf). Die Clerkship-Phase ist durch Standardrotationen strukturiert: Innere Medizin (8 Wochen), Pädiatrie, Psychiatrie, Chirurgie, Gynäkologie/Geburtshilfe – je 4 bis 8 Wochen. Dazu kommen Electives, die frei gewählt werden können.
Was das US-System von Deutschland unterscheidet: Erstens klare Lernziele pro Rotation, die an nationalen Rahmenwerken (wie dem AAMC Core Entrustable Professional Activities, kurz EPAs) ausgerichtet sind. Zweitens strukturiertes Assessment: Jede Rotation endet mit einer standardisierten Prüfung (NBME Shelf Exam) und einem bewerteten OSCE (Objective Structured Clinical Examination). Drittens: Das USMLE Step 2 CK, das alle Kliniker nach dem dritten Studienjahr ablegen, ist eine nationale Benchmark, die Klerkships vergleichbar macht.
Nachteile des US-Systems: Es ist stark von der Qualität des jeweiligen Medical Center abhängig. Es ist astronomisch teuer (Studiengebühren von 50.000–70.000 USD pro Jahr). Und die Residency-Bewerbung (die auf das Studium folgende Facharztausbildung) ist ein enormer Stressfaktor, der Studierende schon im dritten Jahr zur Rotation-Optimierung zwingt.
UK: Foundation Programme – strukturierter Berufseinstieg
In Großbritannien folgt auf das fünfjährige Medical Degree kein PJ, sondern das Foundation Programme: zwei Jahre strukturierte Einführung in den ärztlichen Beruf, organisiert in sechs Rotationen von je vier Monaten in verschiedenen Fachgebieten. Foundation Year 1 (F1) ist vergleichbar mit dem deutschen Berufsanerkennungsjahr, Foundation Year 2 (F2) gibt mehr Freiheit in der Fachrichtung.
Was das UK-System besonders macht: Die Rotation ist national koordiniert über die UK Foundation Programme Office (UKFPO). Jeder F1-Arzt hat einen dedizierten Educational Supervisor und einen Clinical Supervisor pro Rotation – Mentoring ist strukturell verankert, nicht vom Zufall abhängig. Und alle F1-Ärzte müssen ein E-Portfolio führen, in dem Kompetenzen dokumentiert und von Supervisoren bewertet werden.
Negativ: Das Foundation Programme beginnt mit einem medizinischen Staatsexamen (Finals) und einem nationalen Matching-Prozess – ähnlich wie bei der deutschen Facharztbewerbung, aber schon für den Berufseinstieg. Für deutsche Ohren klingt der Druck enorm, aber britische Absolventen schätzen die Struktur und das Feedback.
Australien: Internship und Prevocational Training
In Australien folgt auf das Medical Degree (4–6 Jahre, je nach Studiengang) ein Internship von einem Jahr, das dem deutschen PJ ähnelt: drei bis vier Rotationen, darunter Innere Medizin, Chirurgie und Notfallmedizin als Pflicht. Das Internship ist der erste Schritt zur vollständigen medizinischen Registration (AHPRA).
Was Australien einzigartig macht: die starke Integration der Notfallmedizin und der Allgemeinmedizin als Pflichtrotationen. In Deutschland ist die Notaufnahme als eigenständige Rotation im PJ kaum verbreitet, obwohl sie klinisch hochrelevant ist. In australischen Internships ist Emergency Medicine Standard. Nach dem Internship folgt das prevocational Training (1–2 Jahre) vor Beginn der fachspezifischen Spezialisierung.
Niederlande und Schweden: Interessante Alternativen
In den Niederlanden ist das sogenannte Coassistentschap (Koapperiode) ein offizielles Semester-Modell: Studierende absolvieren im letzten Teil ihres Studiums strukturierte Rotationen mit klaren Kompetenzzielen und portfoliobasierter Beurteilung. Das Portfolio-Modell ist in Deutschland erst in der Pilotphase an einigen Modellstudiengängen (z.B. Hannover, Berlin Charité) angekommen.
Schweden setzt nach dem Examen auf einen Turnus – eine zweijährige Einführungsphase, die an das britische Foundation Programme erinnert. Schwedische Assistenzärzte wählen im Anschluss ihre Weiterbildungsrichtung, ähnlich wie in Deutschland – aber mit dem Unterschied, dass die Weiterbildungsplätze national koordiniert und an klar definierte Ausbildungsstandards geknüpft sind.
Was Deutschland verbessern sollte – konkrete Ansätze
Der Hauptkritikpunkt am deutschen PJ ist nicht die Dauer, sondern die fehlende Standardisierung. Dass ein PJler in München eine strukturierte Ausbildung erhält und einer in einer kleineren Stadt hauptsächlich als Hilfsarbeiter eingesetzt wird, ist kein akzeptabler Zustand. Drei Maßnahmen könnten das verbessern: Erstens verpflichtende Kompetenzziele pro Tertial, national definiert und durch standardisierte Mini-CEX (Clinical Evaluation Exercises) überprüft. Zweitens: Jede Klinik, die PJler aufnimmt, muss einen dedizierten PJ-Betreuer benennen – mit reduzierter klinischer Last für diese Funktion. Drittens: Ein verbindliches Portfolio wie in Großbritannien oder den Niederlanden, das die klinischen Erfahrungen dokumentiert und für die Facharztbewerbung relevant ist.
Meinung des Autors
Ich erinnere mich noch gut an PJ-Berichte von Freunden: Manche haben sich als echte Mitglieder des Teams gefühlt, haben Verantwortung übernommen, wurden gefördert. Andere haben 16 Wochen lang hauptsächlich Venenkанülen gelegt. Das darf nicht vom Glück abhängen. Was mich am britischen Foundation Programme überzeugt, ist die Selbstverständlichkeit des Feedbacks – Educational Supervisor, Clinical Supervisor, Portfolio, Mini-CEX. Das ist keine Bürokratie, das ist Lernkultur. Deutschland hat exzellente Kliniken und exzellente Ärzte als Ausbilder. Was fehlt, ist das System, das diese Exzellenz zuverlässig reproduziert – unabhängig davon, in welchem Bundesland man zufällig gelandet ist.
Das Praktische Jahr ist nicht das schlechteste Ausbildungsinstrument – es ist ein gutes Werkzeug, das zu selten gut eingesetzt wird. Schaut man auf andere Länder: Die Stärke des deutschen Modells liegt in der Länge und der Vertiefungszeit, die Schwäche in der fehlenden Standardisierung und dem mangelnden strukturierten Feedback. Wer als Medizinstudierender einen PJ-Platz wählt, sollte aktiv auf die Lernkultur des Hauses achten – nicht nur auf Lage und Vergütung. Und wer über einen Auslandsaufenthalt im PJ-Äquivalent nachdenkt, wird feststellen: Das US-Clerkship und das britische Foundation Programme bieten struktur- und feedbackorientierte Erfahrungen, die das PJ bisher nicht systematisch bietet.
Häufige Fragen
Kann ich das Wahlfachtertial im PJ im Ausland ableisten?
Ja, das Wahlfachtertial kann an anerkannten Krankenhäusern im Ausland absolviert werden. Viele Studierende nutzen das für Erfahrungen in den USA, UK, Australien oder der Schweiz. Die Anerkennung regelt die Approbationsordnung – das ausländische Krankenhaus muss einem deutschen Lehrkrankenhaus vergleichbar sein.
Was ist der USMLE und brauche ich ihn als Deutscher?
Der United States Medical Licensing Examination (USMLE) ist das amerikanische Staatsexamen. Deutsche Ärzte brauchen ihn nur, wenn sie in den USA arbeiten oder das US-Residency-System nutzen möchten. Für eine internationale Karriere außerhalb der USA ist er nicht notwendig.
Was ist der Unterschied zwischen PJ und Famulatur?
Die Famulatur (insgesamt vier Monate, davon ein Monat in einer Arztpraxis, drei Monate klinisch) findet vor dem Staatsexamen statt und hat keinen Ausbildungscharakter als angehender Arzt. Das PJ hingegen ist nach dem Zweiten Staatsexamen und bereitet direkt auf die Approbation vor.
Welches Land hat die beste klinische Ausbildung?
Schwer zu sagen – jedes System hat Stärken und Schwächen. Das US-System ist strukturierter und benchmarkbasierter, das UK-System hat stärkeres Mentoring, das australische System integriert Notfallmedizin besser. Das deutsche System bietet mehr Eintauchtiefe, wenn die Klinik gut ist. Der entscheidende Faktor ist in allen Systemen die konkrete Klinik und das Team.
Was Studierende über die Medizinerschmiede sagen
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Über den Autor

Marcel Kloos
Eidgenössisch anerkannter Zahnarzt und Gründer der Medizinerschmiede
Marcel Kloos gründete die Medizinerschmiede bereits im Auslandsstudium, seither wurden über 500 Studienplätze vermittelt. Der gebürtige Stuttgarter studierte Zahnmedizin von 2015 bis 2021 in Sofia und ist eidgenössisch anerkannter Zahnarzt.
Heute lebt er in Bern und führt die Medizinerschmiede hauptberuflich als Inhaber.
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