NC und Medizinstudium-Zulassung: Deutschland im internationalen Vergleich
11.09.2026
Das neue deutsche Zulassungssystem seit 2020
Das Bundesverfassungsgericht entschied 2017, dass die reine Vergabe von Medizinstudienplätzen über Abiturnoten mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sei. Das Gericht monierte vor allem die langen Wartezeiten für Bewerber mit guten, aber nicht herausragenden Noten – faktisch ein Verstoß gegen das Grundrecht auf freie Berufswahl.
Die Reform, die ab dem Wintersemester 2020/21 galt, brachte drei Quoten: Mindestens 30 Prozent der Plätze werden über die Abiturnote vergeben, maximal 10 Prozent über die Wartezeit – und 60 Prozent durch hochschulspezifische Auswahlverfahren (AdH). Theoretisch können Universitäten nun Interviews, den TMS (Test für Medizinische Studiengänge), Praktikumserfahrungen oder Berufsausbildungen einbeziehen.
In der Praxis hat sich jedoch noch nicht viel geändert: Die meisten Hochschulen gewichten den NC weiterhin stark, weil individualisierte Verfahren administrativ aufwendig sind. Der durchschnittliche NC für Medizin lag im Wintersemester 2023/24 je nach Bundesland zwischen 1,0 und 1,3 für die direkte Zulassung über die Abiturbestenquote.
USA: Der MCAT – und warum der Weg zur Zulassung viel länger ist
In den Vereinigten Staaten gibt es kein direktes Pendant zum deutschen Medizinstudium als Erststudium. Angehende Ärzte absolvieren zunächst ein vierjähriges Undergraduate-Studium, dann bewerben sie sich für Medical Schools. Die zentrale Aufnahmeprüfung ist der Medical College Admission Test (MCAT), der Biologie, Chemie, Biochemie, Physik, kritisches Denken und Sozialwissenschaften testet.
Der MCAT ist nicht das einzige Kriterium. US-amerikanische Medical Schools schauen sich an: GPA aus dem Undergraduate, MCAT-Score, Forschungserfahrung, Clinical Volunteering Hours (oft 200+ Stunden), persönliche Essays, Empfehlungsschreiben und Interviews. Die Akzeptanzquoten an renommierten Medical Schools liegen unter 5 Prozent. An staatlichen Schools ist es etwas entspannter – aber insgesamt ist die Aufnahme an US Medical Schools ein Mehrjahresprojekt, das schon im Undergraduate beginnt.
Ein fundamentaler Unterschied: In den USA dauert die gesamte Ausbildung bis zum praktizierenden Arzt 11 bis 15 Jahre – 4 Jahre Undergraduate, 4 Jahre Medical School, 3 bis 7 Jahre Residency. In Deutschland sind es mit Studium und Weiterbildung ähnlich lang, aber der Einstieg ist direkter und kommt früher.
Großbritannien: UCAT, BMAT und das MMI-Interview
In Großbritannien beginnt das Medizinstudium direkt nach dem A-Level – ähnlich wie in Deutschland nach dem Abitur. Bewerber müssen sehr gute A-Level-Ergebnisse vorweisen (typischerweise AAA oder A*AA in naturwissenschaftlichen Fächern) und den UCAT (University Clinical Aptitude Test) bestehen. Dieser kognitive Eignungstest prüft verbales Denken, quantitative Fähigkeiten, abstrakte Denkmuster, situationales Urteilsvermögen und Entscheidungsfindung.
Einige Universitäten wie Oxford und Cambridge verlangen zusätzlich den BMAT (BioMedical Admissions Test), der naturwissenschaftliches Wissen und schriftliche Argumentation testet. Entscheidend sind außerdem Interviews – in der Regel im MMI-Format (Multiple Mini Interviews). Dabei rotieren Kandidaten durch verschiedene Stationen mit kurzen Gesprächen zu ethischen Dilemmata, medizinischen Themen oder Rollenspielen.
Das MMI-Format hat sich international als besonders prädiktiv für klinische Leistung und professionelles Verhalten erwiesen. Mehrere Studien aus Kanada und Großbritannien zeigen, dass MMI-Ergebnisse besser mit dem späteren klinischen Verhalten korrelieren als Noten oder klassische Interviews.
Niederlande: Das Losverfahren und seine Abschaffung
Die Niederlande haben über Jahrzehnte ein System verwendet, das in Deutschland undenkbar wäre: das Losverfahren. Kandidaten mit ausreichend gutem Notendurchschnitt nahmen an einer Lotterie teil, die über die Studienplatzvergabe entschied. Die Idee dahinter war egalitär – wenn einmal ein Mindestniveau erreicht ist, soll soziale Herkunft die Chancen nicht weiter verzerren.
2017 schafften die Niederlande das Losverfahren weitgehend ab. Seitdem können Universitäten eigene Selektionsverfahren entwickeln, die Motivationsgespräche, Gruppenaufgaben und Portfolios einschließen. Das System ist damit individueller geworden – aber auch weniger transparent.
Norwegen: Punkte statt NC – Berufserfahrung zählt
In Norwegen gibt es keinen NC im deutschen Sinne, aber ein Punktesystem. Abiturnoten bilden die Grundlage, können aber durch Zusatzpunkte ergänzt werden: für jedes Jahr Berufserfahrung (bis zu zwei Jahre anrechenbar), für eine abgeschlossene Militärausbildung und für bestimmte Hochschulprüfungen. Das System bevorzugt ausdrücklich Bewerber mit Lebenserfahrung.
Die vier norwegischen Universitäten in Bergen, Oslo, Tromsø und Trondheim bieten Medizinstudienplätze an. Die Konkurrenz ist auch hier hart – aber das norwegische System ist stärker auf Diversität ausgerichtet. Es soll sicherstellen, dass nicht nur frisch gebackene 19-jährige Gymnasiasten die Plätze belegen, sondern auch Menschen mit anderen Wegen.
Schweiz: Der EMS als Alternative für Deutsche
In der Schweiz haben die Universitäten Basel, Bern, Fribourg, Lausanne, Zürich und Genf den EMS (Eignungstest für das Medizinstudium) eingeführt. Dieser Test ist verpflichtend und entscheidet maßgeblich über die Zulassung. Er ähnelt dem deutschen TMS stark – kein Zufall, denn beide wurden auf Basis ähnlicher Überlegungen entwickelt.
Der EMS findet einmal jährlich statt und ist für Bewerber mit Schweizer Maturität oder deutschem Abitur zugänglich. Wer in der Schweiz studieren möchte, braucht also keinen perfekten NC – aber einen guten EMS-Score. Das macht die Schweiz für NC-geplagte deutsche Abiturienten zu einer realistischen Alternative, auch wenn die Lebenshaltungskosten in Städten wie Zürich erheblich sind.
Australien: Graduate Entry und der GAMSAT
Australien hat sich weitgehend für das Graduate-Entry-Modell entschieden: Die meisten Medical Schools nehmen Absolventen anderer Bachelor-Studiengänge auf. Der GAMSAT (Graduate Medical School Admissions Test) ist dem britischen BMAT ähnlich, aber deutlich umfangreicher. Er testet Problemlösungsfähigkeiten, Schreibkompetenz und naturwissenschaftliches Denken über mehrere Stunden.
Das Graduate-Entry-System hat den Vorteil, dass Medizinstudierende eine breitere Lebenserfahrung mitbringen und sich bewusster für den Beruf entschieden haben. Ein Nachteil: Es verlängert die Ausbildungszeit um vier Jahre.
Der TMS in Deutschland – ein unterschätztes Werkzeug
Der TMS (Test für Medizinische Studiengänge) wird an immer mehr deutschen Hochschulen als Teil des AdH-Verfahrens anerkannt und berücksichtigt. Er testet Fähigkeiten wie quantitatives und formales Denken, Mustererkennen, medizinisch-naturwissenschaftliches Grundverständnis und textanalytisches Denken.
Studien zeigen, dass der TMS tatsächlich besser für den Studienerfolg prädiktiv ist als die Abiturnote allein. Wer seinen TMS-Wert optimiert, kann einen NC-Nachteil von mehreren Zehntelnoten kompensieren. Es gibt kommerzielle Vorbereitungskurse, aber auch kostenlose Ressourcen – das ist ein strategischer Hebel, den viele Bewerber unterschätzen.
Meinung des Autors
Die Debatte um den NC wird in Deutschland oft zu eng geführt – als wäre er das einzige Problem bei der Ärzteausbildung. Was mich am deutschen System eigentlich stört, ist die implizite Botschaft: Wer in Mathe und Deutsch eine 1,0 schreibt, ist für den Arztberuf geeignet. Das stimmt schlicht nicht – und das wissen eigentlich alle Beteiligten.
Der internationale Vergleich zeigt, dass andere Länder längst differenziertere Ansätze entwickelt haben. Der britische MMI-Ansatz etwa prüft, ob ein Kandidat mit ethischen Dilemmata umgehen kann – und das halte ich für relevanter als die Note in Geschichte. Deutschland ist mit den AdH-Verfahren auf dem richtigen Weg, aber die Umsetzung ist noch zu halbherzig. Zu viele Hochschulen gewichten den NC dann doch wieder überproportional, weil es einfacher zu administrieren ist.
Mein Rat: Nutzt den TMS, informiert euch über die Schweiz, und versteht, dass ein gutes Abitur hilfreich, aber kein Schicksal ist.
Fazit
Der internationale Vergleich zeigt: Den einen besten Weg zur Medizin gibt es nicht. Das deutsche System ist im Umbruch, und wer heute Medizin studieren möchte, hat mehr Optionen als je zuvor – aber auch mehr Komplexität zu navigieren.
Konkrete Takeaways: Erstens: Informiere dich intensiv über den TMS. Ein gutes Ergebnis kann eine mittelmäßige Abiturnote ausgleichen und öffnet Türen an deutschen Hochschulen. Zweitens: Die Schweiz ist für viele Deutsche zugänglich – wer den EMS gut besteht, kann in Zürich oder Bern studieren. Drittens: Die Wartezeit in Deutschland ist keine Sackgasse; nutze sie strategisch für eine Pflegeausbildung oder Rettungsdienstarbeit, das stärkt dein AdH-Profil erheblich. Viertens: Schaue dir die Niederlande an – an einigen Universitäten sind die Zulassungsverfahren auch für Nicht-Niederländer offen, und das Studium ist auf Englisch möglich.
Häufige Fragen
Welcher NC ist für Medizin in Deutschland realistisch?
Im Wintersemester 2023/24 lag der NC für die direkte Zulassung über die Abiturbestenquote zwischen 1,0 und 1,3 je nach Bundesland. Über den TMS und AdH-Verfahren sind aber auch Bewerber mit einem NC bis 2,0 erfolgreich.
Kann ich mit einem deutschen Abitur in der Schweiz Medizin studieren?
Ja. Deutsche Abiturienten können am EMS teilnehmen und sich an Schweizer Universitäten bewerben. Wer gut abschneidet, hat realistische Chancen auf Zürich, Bern oder Basel.
Was ist der Unterschied zwischen TMS und MCAT?
Der TMS ist ein deutschsprachiger Eignungstest für Medizinstudienplätze und testet kognitive Fähigkeiten. Der MCAT ist die US-amerikanische Aufnahmeprüfung für Medical Schools und testet zusätzlich umfangreiches naturwissenschaftliches Fachwissen auf deutlich höherem Niveau.
Wie lange wartet man in Deutschland über die Wartezeitquote?
Die Wartezeit variiert je nach Hochschule und liegt aktuell bei 5 bis 8 Semestern. Da das System seit 2020 reformiert wurde, sinkt die Bedeutung der Wartezeitquote jedoch schrittweise.
Gibt es Medizinstudium ohne NC in Deutschland?
Private Hochschulen wie die Medizinische Hochschule Brandenburg erheben keinen staatlichen NC, verlangen aber Auswahlgespräche und Studiengebühren von mehreren Tausend Euro pro Semester.
Was Studierende über die Medizinerschmiede sagen
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Über den Autor

Marcel Kloos
Eidgenössisch anerkannter Zahnarzt und Gründer der Medizinerschmiede
Marcel Kloos gründete die Medizinerschmiede bereits im Auslandsstudium, seither wurden über 500 Studienplätze vermittelt. Der gebürtige Stuttgarter studierte Zahnmedizin von 2015 bis 2021 in Sofia und ist eidgenössisch anerkannter Zahnarzt.
Heute lebt er in Bern und führt die Medizinerschmiede hauptberuflich als Inhaber.
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