Praktisches Jahr und Famulaturen im internationalen Vergleich: Was Medizinstudierende in USA, UK und Australien stattdessen machen
24.09.2026
Das deutsche Praktische Jahr: Struktur, Probleme und Reform
Das Praktische Jahr (PJ) bildet das 6. Jahr des Medizinstudiums in Deutschland. Es umfasst drei Tertiale von je 16 Wochen: Innere Medizin und Chirurgie sind obligatorisch, das dritte Tertial ist ein Wahlfach. Rechtliche Grundlage ist die Approbationsordnung für Ärzte (ÄApprO). Das PJ ist kein Anstellungsverhältnis – Studierende sind weiterhin immatrikuliert und erhalten lediglich eine Aufwandsentschädigung, die 2024 im Schnitt zwischen 300 und 750 Euro pro Monat lag, je nach Krankenhaus.
Die strukturellen Probleme des PJ sind gut dokumentiert. Eine Befragung des Medizinischen Fakultätentags (MFT, 2023) ergab: 62 Prozent der PJ-Studierenden gaben an, mehr Routinetätigkeiten (Blutabnehmen, Dokumentation) als klinische Lernaktivitäten durchzuführen. 45 Prozent berichteten fehlende Supervision. 38 Prozent hatten keine strukturierten Lernziele in ihrem Tertial. Das PJ hängt stark vom Zufall ab: Welche Station, welcher Oberarzt, welches Krankenhaus.
Eine wichtige Reform ist seit 2020 in Umsetzung: Die überarbeitete Approbationsordnung sieht verbindliche Logbücher mit definierten Kompetenzen für jedes PJ-Tertial vor. Die Umsetzung ist aber noch unvollständig und variiert stark zwischen Universitäten.
USA: Clinical Clerkships – strukturiert, prüfungsintensiv, lernorientiert
In den USA bilden Clinical Clerkships das dritte Jahr der Medical School. Dieser Abschnitt (MS3) ist der klinische Kern der Ausbildung und dauert in der Regel 48 bis 52 Wochen. Clerkships sind in Kernfächer (Core Clerkships) und Wahlfächer (Electives) aufgeteilt. Typische Core Clerkships umfassen: Innere Medizin (12 Wochen), Chirurgie (8 Wochen), Gynäkologie und Geburtshilfe (6 Wochen), Pädiatrie (6 Wochen), Psychiatrie (4 Wochen), Neurologie (4 Wochen) und Allgemeinmedizin (4-6 Wochen).
Das Besondere: Jedes Clerkship endet mit einer standardisierten nationalen Prüfung – dem NBME Shelf Exam. Die Ergebnisse gehen in das medizinische Kompetenzportfolio ein und beeinflussen die Chancen auf attraktive Residency-Programme. Außerdem sind Clerkships intensiv betreut: Studierende arbeiten in kleinen Teams mit Residents und Attendings, führen Patientengespräche unter Supervision und präsentieren Fälle (Case Presentations). Die Erwartung, aktiv zu lernen und zu leisten, ist viel expliziter als im deutschen PJ.
Ein weiterer Unterschied: Studierende werden im MS3 und MS4 zwar nicht regulär entlohnt (das Studium ist über Studiengebühren von oft 50.000 bis 65.000 USD pro Jahr finanziert), aber die Clerkships sind vertraglich und rechtlich klar geregelt, mit definiertem Arbeitspensum und Stundenbegrenzungen. Die 80-Stunden-Woche für Residents (nicht Studierende) ist gesetzlich gedeckelt.
Großbritannien: Foundation Programme und Intercalated Degrees
In Großbritannien ist das Medizinstudium (in der Regel 5 Jahre als Undergraduate) stärker klinisch integriert als in Deutschland. Die klinischen Jahre (Year 3-5 an den meisten Universitäten) beinhalten umfangreiche Klinikrotationen mit klaren Lernzielen und strukturierten Assessments. Es gibt spezifische Prüfungen (OSCEs – Objective Structured Clinical Examinations), die klinische Fertigkeiten direkt testen.
Nach dem Abschluss (MBChB oder MBBS) folgt das Foundation Programme: Ein zweijähriges strukturiertes Programm (FY1 und FY2), in dem Berufsanfänger als Foundation Doctors sechs Rotationen von je 4 Monaten in verschiedenen Fachabteilungen absolvieren. Foundation Doctors werden regulär vergütet – 2024 lag das Gehalt für FY1 bei ca. 32.000 bis 34.000 GBP jährlich. Sie stehen unter Supervision, aber mit zunehmender Eigenverantwortung.
Das Foundation Programme ist ein Hauptkritikpunkt von deutschen Ärzten, die nach UK wechseln: Es wirkt wie eine verlängerte Assistenzzeit. Aber es hat auch echte Vorteile – breite klinische Exposure, klare Lernziele und frühzeitige Verantwortungsübernahme mit Sicherheitsnetz.
Australien und Neuseeland: Das Intern Year
In Australien und Neuseeland absolvieren Medizinabsolventen nach dem Studienabschluss ein obligatorisches Intern Year (Praktikantenjahr) als PGY1 (Postgraduate Year 1). Das Intern Year dauert 12 Monate und umfasst drei Pflichtrotationen in Chirurgie, Innere Medizin und Notfallmedizin sowie mindestens eine weitere Rotation nach Wahl. Interns werden regulär entlohnt: In Australien liegt das Intern-Gehalt 2024 je nach Bundesstaat zwischen 75.000 und 90.000 AUD (ca. 45.000 bis 55.000 EUR).
Das System ist klar strukturiert: Interns stehen unter direkter Supervision, erhalten regelmäßiges Feedback und müssen am Ende jeder Rotation Kompetenznachweise erbringen. Die Medical Boards der Bundesstaaten überwachen die Qualität der Internship-Programme. Erst nach erfolgreichem Abschluss des Intern Year erhalten Absolventen die volle Medical Registration – ohne die darf man in Australien nicht eigenständig als Arzt praktizieren.
Skandinavien: Klinische Ausbildung mit hoher Strukturqualität
In Schweden absolvieren Medizinstudierende in den letzten beiden Jahren (von insgesamt 5,5 Jahren) umfangreiche Klinikrotationen. Das schwedische System zeichnet sich durch sehr kleine Betreuungsgruppen (oft 1-2 Studierende pro Abteilung) und standardisierte Lernzieledokumente aus. Studierende werden eng in die klinische Arbeit eingebunden, aber klar als Lernende und nicht als Arbeitskräfte behandelt.
Nach dem Examen folgt AT (Allmänttjänstgöring) – eine strukturierte 18-monatige Rotation durch Psychiatrie, Chirurgie, Innere Medizin und Allgemeinmedizin. Dieses Pflichtprogramm ähnelt dem deutschen PJ, ist aber klar geregelt, entlohnt (Anfängergehalt ca. 35.000-40.000 SEK pro Monat, ca. 3.000-3.500 EUR) und mit nationalen Standards unterlegt.
Was Deutschland vom Ausland lernen kann
Die Vergleiche zeigen klare Reformbedarfe für das deutsche PJ. Erstens: Verpflichtende standardisierte Prüfungen am Ende jedes Tertials – ähnlich den US-amerikanischen Shelf Exams – würden den Lernanreiz erheblich erhöhen und die Qualität sichern. Zweitens: Eine faire und einheitliche Vergütung für PJ-Studierende ist überfällig. Dass im Nachbarland Österreich das Equivalent (Famulatur und Ausbildungsturnus) besser vergütet wird, ist nicht hinnehmbar. Drittens: Supervision muss verbindlich sein, nicht optional. Solange einzelne Abteilungen PJler hauptsächlich als günstige Arbeitskraft nutzen, verfehlt das PJ seinen Ausbildungszweck.
Meinung des Autors
Das PJ ist für mich einer der deutlichsten Belege dafür, dass das deutsche Medizinstudium strukturell reformiert werden muss. Nicht weil die Studierenden schlecht wären – ganz im Gegenteil. Sondern weil ein System, das diese talentierten Menschen 48 Wochen lang hauptsächlich Blut abnehmen lässt, eine enorme Verschwendung von Potenzial ist.
Wenn ich sehe, wie in den USA Clerkships mit echten Prüfungen, klarer Supervision und definierten Lernzielen gestaltet werden, dann wird mir klar: Das Problem in Deutschland ist nicht Unwille, sondern fehlende Verbindlichkeit. Es braucht klare Standards, die für alle PJ-Krankenhäuser gelten – nicht als Empfehlung, sondern als Voraussetzung für die Zulassung als PJ-Krankenhaus.
An die Studierenden: Verhandelt euer PJ aktiv. Fragt nach Logbüchern, nach Supervision, nach echten Lernmöglichkeiten. Ihr habt mehr Einfluss als ihr denkt – und ihr verdient mehr als Botengänge. – Marcel Kloos
Fazit
Das Praktische Jahr in Deutschland hat enormes Potenzial – aber dieses Potenzial wird systemisch zu wenig ausgeschöpft. Im internationalen Vergleich zeigen USA, UK und Australien, dass klinische Ausbildung strukturiert, geprüft und fair vergütet sein kann – ohne an klinischer Qualität einzubüßen.
Für Medizinstudierende in Deutschland: Suche dir dein PJ-Krankenhaus bewusst aus. Frage nach strukturierten Lernprogrammen, nach Logbüchern, nach regelmäßigem Feedback und nach der tatsächlichen Aufwandsentschädigung. Das PJ ist dein erster echter Kontakt mit dem Arztberuf – es lohnt sich, ihn gut zu gestalten, nicht vom Zufall abhängig zu machen.
Häufige Fragen
Wie lange dauert das Praktische Jahr in Deutschland?
Das PJ dauert 48 Wochen (drei Tertiale zu je 16 Wochen). Es ist Bestandteil des 6. Studienjahres und wird durch die Approbationsordnung für Ärzte geregelt. Pflichtfächer sind Innere Medizin und Chirurgie, das dritte Tertial ist ein frei wählbares Fach.
Wie viel verdienen PJ-Studierende in Deutschland?
Das PJ ist kein Arbeitsverhältnis; Studierende erhalten eine freiwillige Aufwandsentschädigung. Diese variiert stark: 2024 lagen die Entschädigungen zwischen 0 und 1.500 Euro pro Monat, mit einem Median von ca. 400 bis 600 Euro. Einige Bundesländer und Hochschulen zahlen Mindestvergütungen, ein einheitlicher Standard fehlt aber.
Was ist ein OSCE und warum ist er in Deutschland selten?
Ein OSCE (Objective Structured Clinical Examination) ist eine standardisierte klinische Prüfung, in der Studierende an Stationen mit Simulationspatienten oder echten klinischen Aufgaben ihre Fertigkeiten zeigen. In Großbritannien sind OSCEs Standard. In Deutschland werden OSCEs an einigen Fakultäten eingesetzt, sind aber kein bundesweiter Standard.
Kann ich das PJ im Ausland absolvieren?
Ja, ein Auslands-PJ ist möglich und wird von vielen Universitäten unterstützt. Bis zu 16 Wochen (ein Tertial) können im Ausland absolviert werden, sofern die Universität zustimmt und eine gleichwertige Ausbildung sichergestellt ist. Stipendien des DAAD und Erasmus+ können Auslands-PJs finanziell unterstützen.
Was ist der Unterschied zwischen Famulatur und PJ?
Die Famulatur ist eine frühere klinische Praxisphase im Medizinstudium (Vorklinik vorbei, Klinik läuft): 4 Monate Pflichtpraktikum, davon 1 Monat in einer ärztlichen Praxis und 2 Monate in einem Krankenhaus. Das PJ ist die abschließende klinische Ausbildungsphase im 6. Studienjahr, nach dem zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung (M2).
Was Studierende über die Medizinerschmiede sagen
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Über den Autor

Marcel Kloos
Eidgenössisch anerkannter Zahnarzt und Gründer der Medizinerschmiede
Marcel Kloos gründete die Medizinerschmiede bereits im Auslandsstudium, seither wurden über 500 Studienplätze vermittelt. Der gebürtige Stuttgarter studierte Zahnmedizin von 2015 bis 2021 in Sofia und ist eidgenössisch anerkannter Zahnarzt.
Heute lebt er in Bern und führt die Medizinerschmiede hauptberuflich als Inhaber.
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