Welche medizinischen Fachrichtungen 2035 am meisten gebraucht werden – internationaler Vergleich
17.09.2026
Geriatrie: Die Fachrichtung des demografischen Wandels
Deutschland ältert schnell. Laut Statistischem Bundesamt wird der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung bis 2040 auf über 29 Prozent steigen – von derzeit rund 22 Prozent. Gleichzeitig gilt Geriatrie in Deutschland noch immer als Nischenfach. Es gibt bundesweit rund 900 habilitierte Geriatrinnen und Geriatier – bei einer Ärztezahl von insgesamt über 400.000. Der Bedarf ist schon heute weit höher als das Angebot.
In Japan, das mit einem Über-65-Anteil von 30 Prozent (2024) dem demografischen Wandel Deutschlands 10 bis 15 Jahre voraus ist, wird Geriatrie staatsstrategisch gefördert. Die japanische Regierung hat 2022 ein Programm aufgelegt, das Krankenhäusern finanzielle Anreize bietet, wenn sie geriatrische Abteilungen ausbauen. In der Versorgungsstruktur spielen "Chiiki Hoken" (Community Health Center) eine zentrale Rolle – eine Art geriatrischer Primärversorgung, die dem deutschen System weit voraus ist.
In Schweden haben Geriatrieprogramme an Unikliniken in Stockholm, Göteborg und Uppsala in den letzten fünf Jahren ihre Aufnahmekapazitäten um 40 Prozent erhöht. Das Gehalt für Geriatriespätzialisten liegt in Schweden mit durchschnittlich 95.000 bis 115.000 Euro jährlich über dem Landesdurchschnitt. Für deutsche Medizinstudierende, die Geriatrie in Erwägung ziehen: Die Weiterbildungszeit beträgt in Deutschland 5 Jahre (inklusive 2 Jahre Innere Medizin als Basis). Die Einstiegsmöglichkeiten sind überschaubar, da es relativ wenige Weiterbildungsstätten gibt – was gleichzeitig bedeutet, dass Konkurrenz gering und Karrierechancen gut sind.
Intensivmedizin: Strukturelle Unterbesetzung mit Zukunftsrelevanz
COVID-19 hat etwas klargemacht, was Intensivmedizinerinnen und -mediziner schon länger wussten: Deutschland hat zu wenige qualifizierte Ärzte für die Intensivstation. Laut einer Erhebung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) fehlten 2022 auf deutschen Intensivstationen rund 2.500 Fachärzte – bei ca. 28.000 Intensivbetten bundesweit.
Intensivmedizin ist in Deutschland kein eigenständiges Fach, sondern eine Zusatzbezeichnung (Zusätzliche Weiterbildung Intensivmedizin), die nach einer abgeschlossenen Facharztweiterbildung erworben wird. Typische Ausgangsfachrichtungen sind Innere Medizin, Anästhesiologie, Chirurgie oder Neurologie. Das macht den Weg länger – aber auch die Bewerberinnen und Bewerber vielseitiger.
In Australien wurde nach COVID-19 ein Nationaler Intensivmedizin-Plan entwickelt, der bis 2030 die Zahl der ausgebildeten Intensivmediziner um 35 Prozent erhöhen soll. Das Royal Australasian College of Physicians finanziert dafür gezielt erweiterte Weiterbildungsplätze. In Norwegen ist die „Kritisk Medisin“ (Kritische Medizin) inzwischen eigenständige Facharztrichtung – ein Schritt, den Deutschland noch aussteht. Das Gehalt in Norwegen: durchschnittlich 130.000 bis 160.000 Euro äquivalent jährlich, deutlich über dem deutschen Niveau.
Palliativmedizin: Wachsend, systemisch unterfinanziert
Die Palliativmedizin ist eine der am starksten wachsenden Disziplinen weltweit. Laut WHO benötigen weltweit 56,8 Millionen Menschen jährlich palliative Versorgung – nur 14 Prozent erhalten sie. In Deutschland hat die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) seit ihrer Einführung 2007 stark zugenommen, aber die Versorgungslücke ist weiterhin groß, besonders im ländlichen Raum.
Interessant ist der internationale Vergleich: Großbritannien gilt mit seinem Hospiz-Modell (entwickelt von Dame Cicely Saunders im St Christopher's Hospice, London) als weltweiter Vorreiter. Das UK hat eine flächendeckende Hospizstruktur mit über 200 stationären Einrichtungen – bei einer Bevölkerung, die etwa 80 Prozent der deutschen entspricht. In Neuseeland wurde 2022 eine nationale Palliative Care-Strategie verabschiedet, die klare Versorgungsstandards und Finanzierungsmodelle festlegt.
Für Medizinstudierende gilt: Palliativmedizin ist in Deutschland eine Zusatzbezeichnung (80-Stünden-Kurs plus praktische Tätigkeit) – sie kann parallel zur Facharztweiterbildung erworben werden. Als eigenständige Karriere ist sie selten, als Ergänzung zu Innere Medizin, All-gemeinmedizin, Anästhesiologie oder Neurologie sehr wertvoll. Und die gesellschaftliche Relevanz wächst mit der alternden Bevölkerung weiter.
Allgemeinmedizin: Renaissance nach Jahren des Desinteresses
Lange war Allgemeinmedizin in Deutschland die Fachrichtung, die man wählte, wenn man keine andere Spezialisierung bekommen hatte. Das ändert sich gerade. Laut Kassentech (2024) fehlen in Deutschland bereits heute rund 7.000 Hausärzte, bis 2035 werden es laut Prognosen bis zu 14.000 sein. Die Bundesregierung hat reagiert: Der Masterplan Hausarzt 2023 sieht unter anderem eine höhere Landesärztl-iche Vergütung, Stipendien für Medizinstudierende, die sich zur Landarztquote verpflichten, und neue Vermögensanreize vor.
In den Niederlanden ist der Huisarts (Hausarzt) seit Jahrzehnten das Herzstück des Gesundheitssystems. Das Gatekeeper-Modell bedeutet: Facharzttermine erfordert in der Regel eine Überweisung, und Hausarztbesuche werden mit überdurchschnittlichen Vergütungen (ca. 130 bis 160 Euro pro Patient jährlich im Kopfpauschalsystem) finanziert. Das Durchschnittsgehalt niederländischer Hausarztinnen und Hausarzt: 130.000 bis 200.000 Euro jährlich, je nach Praxisgröße.
In Dänemark haben Allgemeinmediziner in den letzten 10 Jahren eine Gehaltsreform durchgesetzt, die sie auf das Niveau spezialisierter Fachärzte bringt. Das Ergebnis: Die Bewerberzahlen für Allgemeinmedizin-Weiterbildungen stiegen um 40 Prozent. Deutschland könnte davon lernen – ist aber langsam dabei, diesen Weg zu gehen.
Radiologie und KI: Bedrohung oder Chance?
Kaum eine Fachrichtung wird in öffentlichen Debatten öfter als „KI-gefährdet“ bezeichnet als die Radiologie. Die Realität ist differenzierter. Ja, künstliche Intelligenz kann auf Mammografien Tumoren erkennen (Google Health: AUC 0,89 vs. 0,88 bei menschlichen Radiologen), Lungenembolien in CT-Scans schneller detektieren und Befundberichte vorstrukturieren. Aber sie ersetzt keine Fachärztinnen und Fachärzte – zumindest nicht in absehbarer Zukunft.
Was sich ändert: die Aufgabenverteilung. Radiologen in den USA, UK und Skandinavien arbeiten heute als „KI-Supervisoren“ – sie überprüfen algorithmisch vorpräparierte Befunde, fokussieren sich auf komplexe Fälle und übernehmen stärker klinisch-interdisziplinäre Rollen. In Deutschland hinkt die Integration von KI in radiologische Workflows noch hinter UK und den Niederlanden hinterher, wo NHS und Ziekenhuis-Systeme systematisch KI-Unterstützung ausrollen.
Was das für die Karriere bedeutet: Radiologie bleibt attraktiv, aber der Schwerpunkt verschiebt sich. Wer in Radiologie geht, sollte sich früh mit KI-Grundlagen vertraut machen – nicht um Algorithmen zu programmieren, sondern um sie kritisch zu beurteilen und in klinische Entscheidungsprozesse einzubinden.
Notfallmedizin: Fachrichtung im Aufbau
Notfallmedizin ist in Deutschland – nach jahrelangem Ringen – seit 2024 offiziell eigenständiges Fach. Das änderst eine Menge: Bisher war Notaufnahme-Medizin keine Karriere, die man planen konnte, sondern ein Durchgangsstadium auf dem Weg zur Facharztweiterbildung in Innere Medizin oder Chirurgie. In Österreich und der Schweiz ist dieser Schritt ebenfalls in Planung.
In den USA und UK ist Emergency Medicine (EM) seit Jahrzehnten eigenständiges Fach – und eines der beliebtestän. In den USA zählt EM zu den am häufigsten gewählten Residency-Fächern, mit einem Durchschnittsgehalt von 310.000 bis 380.000 Dollar jährlich. Im UK gehören Emergency Medicine Consultants zu den bestbezahlten NHS-Ärzten, wobei neben dem Grundgehalt auch Überstundenzulagen signifikant sind.
Für Medizinstudierende in Deutschland: Die Weiterbildung Notfallmedizin dauert 5 Jahre (4 Jahre klinische Basisweiterbildung in verschiedenen Fächern + 1 Jahr spezifische EM-Weiterbildung). Die Zahl der akkreditierten Weiterbildungsstätten baut sich gerade auf. Frühzeitig Positionen an überführenden Kliniken (Level-1-Traumazentren, Unikliniken) im Blick haben.
Meinung des Autors
Ich erlebe immer wieder, dass Medizinstudierende ihre Fachrichtung nach Prestige auswählen – Chirurgie klingt packender als Allgemeinmedizin, Kardiologie glamouröser als Geriatrie. Und ich verstehe das. Aber die Daten zeigen eine andere Realität: Die Fachrichtungen, die gesellschaftlich am dringendsten gebraucht werden, sind oft nicht die, mit denen man in der Klinik den meisten Status hat.
Was ich mir wünschen würde: dass Medizinstudierende früher und systematischer über Versorgungsrealität informiert werden – nicht nur über Status und Vergütung, sondern über tatsächliche Bedarfe. Und dass der internationale Blick zur Selbstverständlichkeit wird: Wer sieht, wie die Niederlande den Hausarzt positioniert oder wie Japan Geriatrie strategisch fördert, versteht, dass Prestige keine Konstante ist, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt, das sich ändert. Manchmal schneller, als man denkt.
Fazit
Es gibt keine universell „richtige“ Fachrichtung für die Zukunft – aber es gibt klare strukturelle Trends: Geriatrie, Allgemeinmedizin und Palliativmedizin werden durch den demografischen Wandel immer dringender gebraucht. Intensivmedizin und Notfallmedizin bieten gute Karrierechancen, weil die Nachfrage das Angebot übersteigt. Radiologie verändert sich, bleibt aber relevant. Und Allgemeinmedizin ist dabei, das Image des „zweiten Wahl-Fachs“ hinter sich zu lassen.
Der internationale Vergleich lohnt sich – nicht nur, um zu sehen, wohin Deutschland steuert, sondern auch als Karriereoption. In den Niederlanden, Norwegen und Schweden verdienen Ärzte in diesen Fachrichtungen oft deutlich mehr und haben bessere Arbeitsbedingungen als in Deutschland. Wer das weiß, trifft fundiertere Entscheidungen.
Häufige Fragen
Welche Facharztrichtungen haben den größten Ärztemangel in Deutschland?
Hausarztmedizin (Allgemeinmedizin), Geriatrie, Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie haben den dramatischsten Mangel. Laut KBV fehlten 2024 rund 7.000 Hausarztpraxen, bis 2035 werden bis zu 14.000 fehlen. Auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie klafft eine erhebliche Lücke.
Ist Radiologie wirklich durch KI bedroht?
Kurzfristig nein, langfristig verändert sich das Berufsbild erheblich. KI wird standardisierte Routinebefundung übernehmen, aber die klinische Expertise, die interdisziplinäre Kommunikation und die komplexe Fallbeurteilung bleiben menschliche Aufgaben. Wer in Radiologie geht, sollte sich früh mit KI-Integration vertraut machen.
Seit wann gibt es Notfallmedizin als eigenständiges Fach in Deutschland?
Seit 2024 ist Notfallmedizin offiziell eigenständiges Fach in Deutschland, mit einer 5-jährigen strukturierten Weiterbildung. Damit schließt Deutschland eine längst fällige Lücke gegenüber USA, UK und Australien, wo Emergency Medicine seit Jahrzehnten etabliertes Fach ist.
In welchen Ländern verdienen Allgemeinmediziner am besten?
In den Niederlanden (130.000 bis 200.000 Euro), Australien (150.000 bis 220.000 AUD) und Schweden (90.000 bis 120.000 Euro) verdienen Allgemeinmediziner sehr gut. In Deutschland liegt das Durchschnittsgehalt niedergelassener Hausarztinnen und Hausarzt bei 90.000 bis 140.000 Euro jährlich – bei deutlich höherem Verwaltungsaufwand.
Was ist die Landarztquote und lohnt sie sich?
Die Landarztquote sieht in vielen Bundesländern vor, dass ein Teil der Studienplätze an Bewerberinnen und Bewerber vergeben wird, die sich verpflichten, nach dem Studium 10 Jahre im ländlichen Raum als Hausarzt zu arbeiten. Im Gegenzug gibt es NC-freien Zugang. Für Interessierte an Allgemeinmedizin kann das attraktiv sein – aber die Verpflichtung ist rechtsverbindlich.
Was Studierende über die Medizinerschmiede sagen
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Über den Autor

Marcel Kloos
Eidgenössisch anerkannter Zahnarzt und Gründer der Medizinerschmiede
Marcel Kloos gründete die Medizinerschmiede bereits im Auslandsstudium, seither wurden über 500 Studienplätze vermittelt. Der gebürtige Stuttgarter studierte Zahnmedizin von 2015 bis 2021 in Sofia und ist eidgenössisch anerkannter Zahnarzt.
Heute lebt er in Bern und führt die Medizinerschmiede hauptberuflich als Inhaber.
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