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Ratgeber

DRG und Krankenhausfinanzierung: Wie Deutschland, Schweiz, Frankreich und Australien ihre Kliniken bezahlen

DRG und Krankenhausfinanzierung: Wie Deutschland, Schweiz, Frankreich und Australien ihre Kliniken bezahlen

24.09.2026

10 Min. Lesezeit

Wer als Arzt oder Medizinstudent das Gesundheitssystem verstehen will, kommt an einem Thema nicht vorbei: der Krankenhausfinanzierung. Denn wie ein Krankenhaus bezahlt wird, bestimmt, wie es arbeitet – welche Patienten es aufnimmt, wie lange es sie behält und welche Leistungen es erbringt. In Deutschland läuft das seit 2004 über das DRG-System (Diagnosis Related Groups). Aber ist das wirklich das beste System? Und was machen andere Länder anders?

Die Antwort ist komplexer als man denkt. Australien hat das DRG-System maßgeblich mitentwickelt – und kämpft heute mit ähnlichen Problemen wie Deutschland. Frankreich kombiniert DRGs mit globalen Budgets. Die Schweiz hat erst 2012 ein eigenes DRG-System eingeführt – und seitdem eine intensive Reformdebatte. Und Skandinavien setzt auf ganz andere Modelle.

Für Medizinstudierende ist dieses Wissen wichtig: Es bestimmt, in welchem Umfeld sie künftig arbeiten werden – ob unter Zeitdruck und mit Fallzahlvorgaben oder in einem System mit mehr Handlungsspielraum. Dieser Artikel gibt einen fundierten internationalen Überblick.

Was sind DRGs und wie funktionieren sie?

Diagnosis Related Groups (DRGs) sind ein Klassifikationssystem, das stationäre Krankenhausleistungen nach Diagnose, Prozedur, Schweregrad und Ressourcenverbrauch in Fallgruppen einteilt. Jeder Fallgruppe wird ein Kostenwert (Relativgewicht) zugeordnet. Krankenhäuser erhalten für jeden behandelten Fall eine Pauschale – unabhängig davon, wie viel die Behandlung tatsächlich kostet. Ziel ist es, Effizienz zu fördern: Wer schnell und günstig behandelt, behält die Differenz als Gewinn. Wer teurer als die Pauschale ist, macht Verlust.

Das System wurde ursprünglich in den 1980er Jahren in den USA entwickelt und von Professor Robert Fetter an der Yale University konzipiert. Australien hat es in den 1990ern adaptiert und weiterentwickelt. Deutschland übernahm 2004 das Australian Refined DRG-System (AR-DRG) und passte es zu G-DRGs (German-DRGs) an. Jährlich werden die deutschen DRGs durch das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) aktualisiert.

Deutschland: Das DRG-System nach 20 Jahren – Bilanz und Probleme

Das deutsche G-DRG-System feierte 2024 sein 20-jähriges Bestehen. Die Bilanz ist gemischt. Auf der Positiven Seite: Die Verweildauern in deutschen Krankenhäusern sind deutlich gesunken – von durchschnittlich 9,4 Tagen im Jahr 2002 auf 7,5 Tage im Jahr 2023 (Statistisches Bundesamt). Die Transparenz der Krankenhausleistungen hat zugenommen, und ineffiziente Strukturen wurden teilweise bereinigt.

Auf der negativen Seite stehen massive Probleme: Erstens besteht ein starker Anreiz zu Mengenausweitung – je mehr Fälle ein Krankenhaus behandelt, desto mehr Geld bekommt es. Das führt zu übermäßiger Operationsindikation (strittige Knie-, Rücken- und Herzoperationen haben in Deutschland weit überdurchschnittliche Raten im europäischen Vergleich, OECD 2023). Zweitens leiden kostenintensive, aber nicht-operative Versorgungsbereiche wie Psychiatrie oder Palliativmedizin strukturell, weil ihre Leistungen im DRG-System schlechter abgebildet werden. Drittens erzeugt das System massiven Druck auf das Personal: Pflegepersonal und Ärzte stehen unter Zeitdruck, weil die Verweildauer wirtschaftlich relevant ist.

Die Krankenhausreform 2024 der Bundesregierung versucht, DRGs durch ein hybrides System aus Vorhaltepauschalen und Leistungsvergütung zu ergänzen – ein wichtiger Schritt, dessen Auswirkungen aber erst in Jahren sichtbar werden.

Australien: Das Ursprungsland der DRGs heute

Australien hat eine besondere Rolle in der Geschichte der DRGs: Das Land hat das AR-DRG-System (Australian Refined DRGs) entwickelt, das zur Basis vieler weltweiter Adaptionen wurde. Das australische Activity Based Funding (ABF) kombiniert DRGs mit einem komplexen nationalen Preissystem, dem National Efficient Price (NEP). Dieser Preis wird jährlich von der Independent Hospital Pricing Authority (IHPA) festgelegt und ist das Herzstück der Bundesfinanzierung an die Bundesstaaten.

Interessant: In Australien werden DRGs nicht nur für den stationären, sondern zunehmend auch für den ambulanten Sektor genutzt (Outpatient DRGs). Der Bund finanziert 45 Prozent der Krankenhauskosten über den NEP, der Rest kommt von den Bundesstaaten. Das System ist vergleichsweise effizient – Australien gibt rund 9,9 Prozent des BIP für Gesundheit aus (Deutschland: 12,8 Prozent, OECD 2022) bei ähnlichen oder besseren Gesundheitsoutcomes.

Frankreich: DRGs plus globale Budgets

Frankreich hat sein T2A-System (Tarification à l'Activité) 2004 eingeführt – parallel zu Deutschland. Im Unterschied zum deutschen System kombiniert Frankreich DRG-Vergütung mit nationalen Obergrenzen (ONDAM – Objectif national des dépenses d'assurance maladie): Wenn die Gesamtausgaben im System steigen, können die DRG-Preise entsprechend angepasst werden. Das verhindert eine unkontrollierte Mengenausweitung, wie sie in Deutschland beobachtet wird.

Außerdem unterscheidet Frankreich konsequenter zwischen öffentlichen und privaten Krankenhäusern: Private Kliniken erhalten DRG-Vergütungen, die systematisch unter denen öffentlicher Häuser liegen, müssen aber auch geringere Fixkosten tragen. Öffentliche Häuser erhalten darüber hinaus Mittel für akademische Funktionen (Lehre, Forschung) aus separaten Töpfen. Dieses Zwei-Säulen-System reduziert den Anreiz für Qualitätsdumping.

Schweiz: SwissDRG ab 2012 – ein junges System unter Druck

Die Schweiz hat erst 2012 mit SwissDRG ein nationales DRG-System eingeführt – als eines der letzten europäischen Länder. Vorher wurden Krankenhäuser über Tagespauschalen finanziert. Die Einführung von SwissDRG war kontrovers und hat bis heute zu einer intensiven Reformdebatte geführt.

Das Schweizer Problem ist spezifisch: Die Gesundheitskosten in der Schweiz sind die höchsten in Europa – rund 11,8 Prozent des BIP (OECD 2022). DRGs haben die Verweildauern gesenkt, aber auch den wirtschaftlichen Druck auf Krankenhäuser erhöht. Viele kleinere Regionalspitäler kämpfen ums Überleben. Gleichzeitig werden die Krankenversicherungsprämien für Privatpersonen immer teurer. Seit 2023 läuft eine grundlegende Debatte über eine Neuausrichtung der Spitalfinanzierung in der Schweiz.

Skandinavien: Globale Budgets und politische Steuerung

Schweden, Norwegen und Dänemark setzen historisch stärker auf globale Budgets für Krankenhäuser: Die Region oder der Staat stellt ein Jahresbudget zur Verfügung, innerhalb dessen die Klinik wirtschaften muss. DRGs werden in Skandinavien als Informationsinstrument genutzt – für Benchmarking und Planung – aber nicht als primärer Zahlungsmechanismus. Das hat Vor- und Nachteile: Es reduziert den Anreiz zur Mengenausweitung, birgt aber das Risiko von Rationierung (Wartelisten sind in Schweden und Norwegen ein bekanntes Problem).

Norwegen hat ein explizites Beurteilungssystem für medizinische Indikationen eingeführt: Patienten werden in Prioritätsstufen eingeteilt, die bestimmen, innerhalb welcher Frist sie behandelt werden müssen. Das System schafft Gerechtigkeit – aber auch bürokratischen Aufwand.

Was Deutschland von seinen Nachbarn lernen kann

Der internationale Vergleich liefert klare Lehren. Erstens: Reine DRG-Systeme ohne ergänzende Steuerungsmechanismen neigen zur Mengenausweitung und zur Vernachlässigung nicht-profitabler Bereiche – das französische Modell mit nationalen Ausgabenobergrenzen ist ein möglicher Weg. Zweitens: Vorhaltefinanzierung für Notaufnahmen, Geburtsstationen und psychiatrische Einrichtungen ist notwendig, weil diese Bereiche DRG-strukturell benachteiligt sind – das versteht inzwischen auch die deutsche Bundesregierung. Drittens: Die Trennung zwischen Finanzierung von Routineleistungen und Investitionen in Infrastruktur und Ausbildung muss klarer sein.

Meinung des Autors

Das DRG-System ist eines der mächtigsten, aber am wenigsten diskutierten Instrumente im deutschen Gesundheitssystem. Wenn ich höre, dass Stationsärzte unter Druck stehen, Patienten früher zu entlassen, als es medizinisch sinnvoll wäre – dann ist das kein Charakterproblem einzelner Ärzte, sondern ein systemischer Anreiz, der genau dieses Verhalten produziert.

Was mich an den internationalen Vergleichen beeindruckt: Australien und Frankreich zeigen, dass DRGs kein Naturgesetz sind. Man kann sie konstruieren, ergänzen, begrenzen. Der Fehler in Deutschland war, ein reines Leistungsvergütungssystem einzuführen, ohne ausreichend Gegengewichte zu schaffen – für Vorhaltung, für Qualität, für nicht-profitäre Versorgung.

Die Krankenhausreform 2024 ist ein überfälliger Schritt. Ob sie reicht, wird man erst in einigen Jahren sehen. Was ich mir wünsche: dass Medizinstudierende das System, in dem sie arbeiten werden, wirklich verstehen – denn nur wer versteht, kann mitgestalten. – Marcel Kloos

Fazit

DRG-Systeme sind kein neutrales Werkzeug – sie setzen Anreize, und diese Anreize prägen den ärztlichen Alltag. Als zukünftiger Arzt oder zukünftige Ärztin wirst du in einem System arbeiten, das wirtschaftliche Logiken in medizinische Entscheidungen hineinträgt. Das ist keine Theorie, sondern gelebte Realität in deutschen Kliniken.

Was du daraus mitnehmen kannst: Verstehe die Finanzierungslogik deines künftigen Arbeitgebers. Kliniken, die unter wirtschaftlichem Druck stehen, geben diesen Druck weiter – an Ärzte und an Pflegepersonal. Die Krankenhausreform 2024 ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Ob sie reicht, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. International zeigt sich: Systeme, die reine Fallvergütung mit Strukturschutz und globalen Budgets kombinieren, kommen dem Ideal näher als ein reines DRG-System.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen G-DRG und AR-DRG?

AR-DRG (Australian Refined DRGs) ist das australische Ursprungssystem, das Deutschland adaptiert hat. G-DRG (German-DRGs) ist die deutsche Version, jährlich durch das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) aktualisiert und an die Kostenstruktur deutscher Krankenhäuser angepasst.

Warum hat Deutschland so viele Klinikoperationen im Vergleich zu anderen Ländern?

Das DRG-System setzt einen Anreiz zur Mengenausweitung: Je mehr Fälle behandelt werden, desto mehr Erlös. Für profitable Eingriffe (bestimmte Knieoperationen, Herzschrittmacher, Rückenoperationen) werden in Deutschland deutlich mehr Fälle durchgeführt als im OECD-Durchschnitt, obwohl die medizinische Indikation oft fraglich ist (OECD Health at a Glance, 2023).

Was sind Vorhaltepauschalen und warum kommen sie in Deutschland?

Vorhaltepauschalen sind feste Grundbeträge, die Krankenhäuser unabhängig von der Fallzahl erhalten – für die bloße Vorhaltung bestimmter Strukturen wie Notaufnahme, Intensivstation oder Geburtshilfe. Die Krankenhausreform 2024 sieht ihre Einführung vor, um Bereiche zu schützen, die DRG-strukturell benachteiligt sind.

Wie werden psychiatrische Kliniken in Deutschland finanziert?

Psychiatrie und Psychosomatik sind vom DRG-System ausgenommen und werden über das PEPP-System (Pauschalierendes Entgeltsystem Psychiatrie und Psychosomatik) vergütet, das tagesgleiche Entgelte mit Zu- und Abschlägen kombiniert. Das System ist seit 2013 in Einführung, aber weiterhin umstritten.

Warum hat die Schweiz die höchsten Gesundheitskosten in Europa?

Mehrere Faktoren spielen eine Rolle: sehr hohe Lohnniveaus, hohe Regulierungsanforderungen, komplexes Föderalsystem mit 26 Kantonen, teures Medikamentensystem und hohe Ansprüche der Bevölkerung an Versorgungsqualität. SwissDRG hat die Effizienz leicht verbessert, aber die Grundkostenstruktur nicht verändert.

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Eidgenössisch anerkannter Zahnarzt und Gründer der Medizinerschmiede

Marcel Kloos gründete die Medizinerschmiede bereits im Auslandsstudium, seither wurden über 500 Studienplätze vermittelt. Der gebürtige Stuttgarter studierte Zahnmedizin von 2015 bis 2021 in Sofia und ist eidgenössisch anerkannter Zahnarzt.

Heute lebt er in Bern und führt die Medizinerschmiede hauptberuflich als Inhaber.

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